Es gibt Filme, die sind sehenswert, nicht weil sie ein cineastisches Highlight wären, sondern weil sie einen Nerv der Zeit so treffend anbohren, dass es uns als Zuschauer elektrisiert. "Tränen der Sonne" ist so ein Film. Regisseur Antoine Fuqua beackert ein kontroverses Thema. Er zwingt uns, eine Meinung zu entwickeln, und jagt uns über eine emotionale Achterbahn. Davor nicht zu kneifen, lohnt sich, meine ich. Also: bitte einsteigen!

Die Fahrt beginnt mit einem Tiefpunkt: der Filmtitel. "Tränen der Sonne" klingt nach Rosamunde Pilcher. Aber der Film ist keine Liebesschnulze und der Titel bleibt einfach sinnleer. Die Sonne bestrahlt ziemlich heiß den verschlossenen Leutnant A. K. Waters (Bruce Willis), Offizier einer Einheit von US-Elitesoldaten, die Amerikaner aus einem afrikanischen Bürgerkrieg evakuieren soll. Die Achterbahnfahrt und die Spannung steigen an. Wir erhaschen einen ersten Blick auf Bruce den Helden, der - außen hart und innen weich - wie immer einiges abbekommen, aber zum Schluss sicher triumphieren wird. Bruce ist schließlich ein Mustermannsbild und Bilderbuchsoldat, seine Männer sind schwer bewaffnet und muskelbepackt.
Water's Gruppe findet ihre Zielperson, die Ärztin Lena Kendricks (Monica Bellucci). Doch ohne ihr einheimisches Personal will diese nicht gehen. Die US-Soldaten sollen ihre Haut aber nicht für Afrikaner riskieren. Ihre Befehle sind klar: nur Amerikaner mitnehmen, keine Einmischung in den Konflikt. Leutnant Waters löst das Problem, das ihn eher nervt als sein Gewissen strapaziert, indem er Dr. Kendricks ganz unheldenhaft belügt. Das Personal, behauptet er, dürfe mit. Eine kleine Karawane zieht von der abgelegenen Missionsstation zum Landeplatz. Die Hubschrauber kommen, die Soldaten schleppen Kendricks mit, die Afrikaner bleiben zurück. Auftrag erledigt! Wir werden leicht nervös. Die Achterbahn ist schon wieder unten, aber aufregend war es noch nicht. Wo ist jetzt Bruce der Held?
Unbequeme Fragen
Der sitzt im Hubschrauber und weiß selbst: Er ist mies, denn die feurige Monica zeigt es ihm mit bösen Blicken. Als der Hubschrauber über die Mission fliegt - die Häuser brennen, alle Zurückgebliebenen sind abgeschlachtet - hält Bruce ihrem Blick nicht mehr stand. Im Innern ist er ja doch ein Guter und so entscheidet er sich gegen die Befehle und für Bellucci. Die Hubschrauber kehren um. Die Achterbahn scheint zum Kinderkarussell zu werden, mit einer Art privatem Blauhelmeinsatz: Die Soldaten wollen die Karawane auf eigenes Risiko von Nigeria ins benachbarte Kamerun durchbringen - wie unglaubwürdig und kitschig das auch sein mag.
Aber dann geht es plötzlich steil nach oben. Mit einem gewaltigen Ruck wird der Film interessant. Der Weg nach Kamerun ist nicht nur für die körperliche Unversehrtheit der Flüchtlinge gefährlich, sondern auch für unsere moralischen Vorstellungen. Die Amerikaner beobachten in einem Dorf das nächste Massaker: Erschießungen, Folter und Vergewaltigungen. Und sie merken, dass sie ihre Schutzschicht vor der Hässlichkeit und Willkür ihres Jobs mit dem Ignorieren ihrer "Neutralität" verloren haben. "Wir haben uns längst eingemischt!", sagt Waters. Und dann rast die Bahn los, durch Loopings und atemberaubende Kurven. Die Amerikaner greifen an und töten jeden einzelnen Angreifer. Und: Wir lieben diese Allerweltskriegsfilmtypen dafür!
Diese Fahrt kann es einem schlecht werden lassen! Was wir hier sehen, ist Jugoslawien, ist Tschetschenien und Ruanda. Mit der Ausnahme, dass die Grausamkeiten nicht ungesühnt bleiben. Haben wir uns das nicht immer wieder gewünscht, dass die Killer selber die Folgen ihres Handelns spüren müssen? Ja! Aber gleich reißt es uns nach unten: Die Rache befleckt auch die Rächer und uns, die wir sie insgeheim unterstützen. Die Amerikaner handeln unmoralisch, um die Moral wiederherzustellen. Dies ist keine Gerechtigkeit, dies sind keine Helden. Es sind wütende, entsetzte Menschen, die entsetzliche Dinge tun in ihrer Wut. Die Achterbahnfahrt jagt uns vor einen Spiegel und zwingt uns zur Auseinandersetzung damit, was wir in so einer Kriegssituation tun würden, wenn wir könnten. Angenehm ist das nicht, aber hochspannend.
Politisch korrekt?
Und da macht die Bahn eine Vollbremsung. Regisseur Fuqua lässt die brandheiße Frage nach der Moral und wie weit Hilfe für Hilflose gehen darf schnellstens wieder fallen. Stattdessen verlegt er sich darauf zu rechtfertigen, was auch immer seine Film-Amerikaner tun. Und zwar mit einem gern benutzten Totschlagsargument: dem Kampf für Demokratie, dem Ringen der "Freien Welt" gegen die Mächte der Finsternis. Unsere Bahn kriecht quietschend in ein Gruselkabinett der political correctness. Die Amerikaner, erzählt uns Fuqua, schützen nicht bloß Menschen, sondern die Demokratie. Denn einer der Flüchtlinge entpuppt sich als Sohn des ermordeten Staatspräsidenten. Als solcher hat er selbst kein demokratisches Mandat, also macht ihn Fuqua kurz entschlossen zum König einer der größeren Bevölkerungsgruppen. Keiner versteht, was das mit Demokratie zu tun hat.

Aber es lachen uns noch schlimmere Gespenster ins Gesicht: Der Mann stellt sich als so verwöhnt, feige und eigennützig heraus, dass einen das Gefühl beschleicht, da steht ein künftiger Diktator. Auf diesen letzten Metern verwandelt sich auch das bis dahin respektvolle Verhältnis der Soldaten zu ihren Schützlingen in ein Zerrbild westlicher Überheblichkeit: Schwarze Gesichter sehen mit großen gläubigen Augen aus dem Schmutz zu den Amerikanern auf, während mit folkloristischen Sprechchören und Getrommel der Präsidentensohn als eine Art Messias gefeiert wird. Bilder zum Übelwerden. Man ist froh, als die Bahn hält und man aussteigen darf.
Doch der feste, moralische Boden, den man zu betreten meint, schwankt plötzlich gewaltig. Die Fahrt hätte besser sein können. Aber die eigene Wahrnehmung haben Fuqua, Willis und Bellucci mit "Tränen der Sonne" sehr effektiv durcheinander geschüttelt.
(Tears of the Sun) USA 2003, Regie: Antoine Fuqua, Buch: Alex Lasker, Patrick Cirillo, mit Bruce Willis, Monica Belluci, Cole Hauser, Tom Skerritt, Eamonn Walker, Nick Chinlund, Fionnula Flanagan, Malick Bowens, Johnny Messner, Paul Francis, ab 16, Kinostart: 28. August 2003 bei Columbia TriStar
Foto: Verleih
Martin Maaß, gelernter Biologe, Historiker, Publizist und Fußballer, lebt als Autor für Film und Fernsehen und als Kung-Fu-Azubi in Berlin.
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