Nichts weniger als eine Biografie des 1977 von der "Roten Armee Fraktion" (RAF) entführten und ermordeten Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer hat sich Lutz Hachmeister mit seinem Film "Schleyer - Eine deutsche Geschichte" vorgenommen. Die tief in das Massenbewusstsein eingedrungenen verwaschenen Aufnahmen der Entführung dienen ihm dabei als Start- und Endpunkt einer beklemmenden Reise durch die jüngere deutsche Vergangenheit. Akribisch zeichnet Hachmeister den Werdegang Schleyers nach: seine Begeisterung für den NS-Staat, die aktive Rolle, die er bei der Unterjochung des "Reichsprotektorats Böhmen und Mähren" spielte und den Aufstieg zu einem der einflussreichsten Wirtschaftsmanager nach dem Ende der Nazi-Herrschaft. Es ist diese Kontinuität in Schleyers Lebenslauf und sein aggressives Auftreten als "Boss der Bosse", die ihn in den 1960er- und 1970er-Jahren zu einer der Hassfiguren der aufkeimenden Studentenbewegung und der sich später radikalisierenden Gruppen um die (RAF) werden ließen. Immer wieder bricht Hachmeister jedoch das öffentliche Bild Schleyers mit Einblicken in dessen Privatleben und legt so den Blick auf dessen widersprüchliche Persönlichkeit frei.
Seine stärksten und bewegendsten Momente hat der Film, wenn er die gesellschaftlichen Spannungen, die sich ab Mitte der 1960er-Jahre zwischen den Nachgeborenen und der Täter-Generation immer stärker zeigten, abbildet: Das Entsetzen und die Verzweiflung der Jungen über eine Elterngeneration, die nicht nur den staatlich organisierten Massenmord zuließ, sondern auch noch einen Großteil der Täter quasi unbehelligt wieder in die höchsten Positionen aufsteigen ließ, wird in dem Dokumentarfilm durch viele Fernsehausschnitte aus dieser Zeit illustriert und damit spürbar. Doch auch die völlige moralisch-politische Bankrotterklärung der RAF spiegelt sich in dem Kristallisationspunkt Schleyer wieder. Einblicke in interne Diskussionen der RAF - wie zum Beispiel ob man nicht mit der Entführung Schleyers die deutsche Industrie zu Zahlungen an die osteuropäischen Zwangsarbeiter hätte bringen können, anstatt mit ihm die eigenen Leute freizupressen - werfen ein neues Licht auf die Terrorgruppe, die sich selbst als emanzipatorische antifaschistische Kraft betrachtete.
Es ist die zu allen Seiten offene Sicht, die Hachmeisters Dokumentation spannend und gleichzeitig unheimlich macht. Sie zeigt, dass die blinden Flecken der deutschen Geschichte nicht nur vor 1945 liegen.
Bendrik Muhs
(Schleyer - Eine deutsche Geschichte.) Deutschland 2003, Regie und Buch: Lutz Hachmeister, Kinostart: 14. August 2003 in Berlin im Selbstverleih
Foto: Verleih
Die ARD strahlt den Dokumentarfilm "Schleyer - Eine deutsche Geschichte" am 20. August 2003 um 23.00 Uhr aus.