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Kampfkünstler aus Berufung, Schauspieler von Beruf

Zum 30. Todestag von Bruce Lee

16.7.2003 | Jörg Buttgereit | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Am 20. Juli 2003 jährt sich der Todestag des Kung-Fu-Superstars Bruce Lee zum 30. Mal. Doch noch heute übt Lees filmisches Werk einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf das internationale Action-Kino (von "Matrix" bis "Rush Hour") und den weltweiten Asien-Boom ("Hero", "Tiger & Dragon") aus.

Bruce Lee war der erste asiatische Weltstar, der eine Brücke über die kulturelle Kluft von Ost und West schlagen konnte. Er war der Gegenpol zu klischeehaften chinesischen Figuren wie Charlie Chan oder Dr. Fu Man Chu. Dadurch wurde er zum Idol für Millionen Asiaten, die sich ethnisch und kulturell mit ihm identifizierten.

Mit vier Filmen zur Legende

Nur vier abendfüllende Spielfilme brauchte der studierte Philosoph, um auch bei uns zur Legende und zum Vorbild vieler Jugendlicher in den 70er-Jahren zu werden. In seinem ersten, noch etwas naiven Film "The Big Boss" (deutscher Titel: "Die Todesfaust des Cheng Li", Honkong 1971) spielt Lee einen jungen neuen Arbeiter in einer Eisfabrik, die aber nur ein Scheinunternehmen für Drogenhandel ist. Er geht dem mysteriösen Tod eines Kollegen nach und findet den Schwindel heraus.

"Fist of Fury" ("Todesgrüße aus Schanghai", HK 1971) beginnt mit dem Tod eines Lehrers an einer chinesischen Kung-Fu-Schule in Schanghai im Jahre 1908. Bei der Beerdigungsfeier überreichen Vertreter einer japanischen Karateschule den trauernden Chinesen ein Transparent mit der beleidigenden Aufschrift "Für den kranken Mann Asiens". Lee erträgt die Beleidigung, glaubt aber, dass die Japaner am Tode seines Meisters schuld seien. Er sinnt auf Rache.

Regisseur, Produzent, Autor, Choreograf

Bei dem komödiantisch angehauchten "Way of the Dragon" ("Die Todeskralle schlägt wieder zu", HK 1972) führte Bruce Lee erstmals Regie, produzierte, schrieb das Drehbuch und choreografierte alle Kampfszenen des Films selbst. Mit einem Auge auf den Weltmarkt schielend, entschloss er sich, den Film in Rom spielen zu lassen. Außerdem besetzte er namhafte Kampfkünstler wie Chuck Norris oder Bob Wall als seine Gegner. Lee spielt einen unscheinbaren jungen Mann vom Lande, der in die ausländische Großstadt kommt, um seiner Schwester zu helfen, die in Rom ein Chinarestaurant betreibt und von der Mafia bedroht wird.

Mit "Enter the Dragon" ("Der Mann mit der Todeskralle", USA/HK 1973) kam endlich das lang ersehnte Angebot aus Hollywood. Erstmals bekam ein Chinese die Hauptrolle in einem amerikanischen Actionfilm. Lees Name stand vor seinen amerikanischen Co-Stars John Saxon und Jim Kelly auf dem Filmplakat. Auf Bruce Lee, der jetzt die einmalige Chance hatte, ein internationaler Superstar zu werden, und der wieder die Kampfszenen konzipierte und leitete, lastete ein immenser physischer und psychischer Druck. "Enter the Dragon" brach alle Rekorde und gilt noch heute als absoluter Klassiker. Doch Bruce Lee starb, bevor der Film in die Kinos kam.

Doubles, Doppelgänger und Plagiate

Seinen nächsten eigenen Film, mit dem prophetischen Titel "Game of Death" ("Mein letzter Kampf", HK 1973/1978), den er schon vor "Enter the Dragon" begonnen hatte, konnte Lee nicht mehr vollenden. Lediglich drei spektakuläre Kampfszenen hatte Lee abdrehen können. Vier Jahre später wurde der Film mit einem Bruce-Lee-Double fertig gestellt. Ein recht unbefriedigendes Vergnügen. Um die Kampfszenen von "Game of Death" authentisch genießen zu können, sollte man auf die sehr empfehlenswerte Dokumentation "Bruce Lee: Der Weg eines Kämpfers" von John Little zurückgreifen, die seit 2001 auf DVD erhältlich ist. In diesem einfühlsamen Porträt Bruce Lees kommt auch seine Frau Linda zu Wort. Im letzten Drittel des Films wird dann anhand von Lees privaten Aufzeichnungen das Material von "Game of Death" rekonstruiert. Nicht nur für Fans eine Erleuchtung.

Unbedingt gewarnt sei vor den nach Bruce Lees Tod billig und schnell produzierten Plagiaten aus Hongkong. In diesen angeblich autobiografischen Billig-Filmen stellen Bruce-Lee-Doppelgänger unbeholfen das Leben des Superstars plakativ verzerrt nach. Diese primitiven Schnellschüsse, in denen der echte Bruce Lee oft nur für Sekunden auf altem Archivmaterial zu sehen ist und die angeblich zu seinen Ehren gemacht wurden, stehen für alles, was Bruce Lee an der Filmindustrie von Hongkong immer verachtet hatte. Man muss leider davon ausgehen, dass diese zahllosen Plagiate dem Ansehen von Lee in der ganzen Welt nachhaltig geschadet haben. Wie oft mag es vorgekommen sein, dass unwissende Zuschauer diese stümperhaften Filme für echte Bruce-Lee-Filme gehalten haben?

Kampfkunst auf höchstem Niveau

Bruce Lee, dieser tödliche Wirbelwind fliegender Beine und Arme, konnte erst nach seinem plötzlichen Tod durch Gehirnschlag im Alter von 32 Jahren das Publikum in aller Welt gewinnen. Er enthüllte bis dahin im Westen unbekannte chinesische Kampfkünste. Noch heute kann man in seinen wenigen Filmen die Beherrschung des Körpers in höchster Vollendung bewundern. Mit Kameratricks wird hier nicht geschummelt, an Computeranimationen war noch lange nicht zu denken. Mit der Filmindustrie in Hongkong war er nicht zufrieden, er wollte das Publikum auf ein höheres Niveau führen, asiatische Philosophien in seine Filme integrieren.

Die Gewalttätigkeit, die bei seinen Kämpfen von ihm ausgeht, ist immer eine seltsam reinigende. Sein von ihm entwickelter Kampfstil "Jeet Kune Do" ist eine auf Effektivität ausgerichtete Methode, die sich aus allen erdenklichen Kampfsportarten zusammensetzt. Auf der Leinwand ist sie ein Tanz von erhabener, kunstvoller Schönheit. Lee hat nicht das Vulgäre und die schwerfälligen Fäuste eines betrunkenen Westernschützen wie John Wayne, nicht die einfallsreichen technischen Erfindungen, die James Bond sein Überleben sichern. Genauso wichtig wie seine Aktionen ist dabei sein Gesicht, das unbeugsame Entschlossenheit und Konzentration widerspiegelt. Zeitweise wirkt Lee im Kampf wie in einer Extase verloren. Sich selbst sah er als "Kampfkünstler aus Berufung und Schauspieler von Beruf".

Fotos: 20th Century Fox

Jörg Buttgereit, geboren 1963 in Berlin, arbeitet als Autor und Regisseur für Film, Fernsehen und Radio. Außerdem schreibt er regelmäßig Filmkritiken und vergnügt sich nebenbei als Disc Jockey.



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