Invisible Waves

Aus der Welt gefallen

Kinostart: 14.12.2006 | Andreas Resch | Kommentar schreiben | Artikel drucken
In dem Moment, als er im Auftrag seines Chefs dessen Ehefrau tötet, verliert das Leben des Kochs Kyoji seinen Sinn. Durch den Mord an der Frau, die auch seine Geliebte war, droht Kyoji – wie Raskolnikow, der Protagonist von Dostojewskis "Schuld und Sühne" – an seinen Schuldgefühlen zugrunde zu gehen. Fand jedoch Raskolnikow Erlösung in der Religiosität, so scheinen für Kyoji, die Hauptfigur in Pen-Ek Ratanaruangs Film "Invisible Waves", sämtliche Pfade zur Erlösung versperrt zu sein. Wie ein Zombie wandelt er über die Erde, muss sich immer wieder übergeben, wenn die Erinnerungen an seine Tat mit brutaler Vehemenz zurück in sein Bewusstsein schwappen.

Auf einer Schiffsreise begegnet Kyoji der geheimnisvollen Noi und für einen flüchtigen Moment scheint es, als ob sich vielleicht doch noch alles zum Guten wenden und Kyoji durch Nois Liebe aus seiner Isolation befreit werden könnte. Doch schon bald ist klar, dass ihn auch Noi letztendlich nur zum Ausgangspunkt seiner Tat zurückführen wird.
Schon in seinem letzten Film "Last Life in the Universe" (2003) hat Pen-Ek Ratanaruang einen Menschen porträtiert, der sterben will. Während jedoch der Bibliothekar Kenji im Verlauf des Films nach und nach ins Leben zurückfindet, ist es in "Invisible Waves" genau umgekehrt. Kyoji möchte eigentlich leben, stellt aber irgendwann fest: Es geht nicht mehr.

Es ist beeindruckend, wie es Regisseur Pen-Ek Ratanaruang und seinem Kameramann Christopher Doyle gelungen ist, Kyojis Aus-der-Welt-gefallen-Sein in eine visuelle Ästhetik umzusetzen. Nie scheint in diesem meist in Pastelltönen gehaltenen Film die Sonne, oft fängt Doyles Kamera Situationen in extremen Nahaufnahmen ein, in denen sich zu Realitätsfragmenten reduzierte Körperteile zu beinahe kubistischen Arrangements fügen. Häufig sieht man Kyoji hinter Fenstern, Türen oder in engen Korridoren stehen, und durch diese Reduktion des Bildausschnitts verdichtet sich der Eindruck seiner Abgetrenntheit von der äußeren Welt. Zudem entsteht durch den Wechsel von schnellen Schnitten und extrem langen Einstellungen das Gefühl einer nicht linear voranschreitenden Zeit.

Trotz der morbiden Handlung ist "Invisible Waves" kein düsterer Film. Immer wieder blitzen Momente schrillster Situationskomik auf, etwa wenn Kyoji von einem Amok laufenden Duschkopf für einen Augenblick aus seiner Lethargie gerissen wird. Zudem könnten sämtliche Schurken einem Tarantino-Film entstammen, denn sie sind nicht nur böse, sondern gleichzeitig auch wahnsinnig cool. Allerdings wird die Künstlichkeit einer solchen Welt der glatten Oberflächen im Film offen gelegt: Denn gerade weil er im Gegensatz zu den ihn umgebenden Kunstfiguren ein realer Mensch ist und als solcher auch echte Emotionen hat, muss Kyoji letztendlich zugrunde gehen.
Andreas Resch

Invisible Waves, Thailand, Niederlande 2006, Regie: Pen-Ek Ratanaruang, Buch: Prabda Yoon, mit Asano Tadanobu, Gang Hye Jung, Eric Tsang, Maria Cordero, OmU, Kinostart in Berlin: 14. Dezember 2006 bei RapidEyeMovies

Foto: Verleih


www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database




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