Panasiatisches Wunderwerk

Verschiedene Welten, gleicher Geschmack

7.12.2006 | Volker Hummel | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Wieder ein Wahnsinnsfilm des Traum-Trios: "Invisible Waves" taucht nach "Last Life in the Universe" von 2003 – die zweite Zusammenarbeit des thailändischen Regisseurs Pen-ek Ratanaruang mit dem japanischen Hauptdarsteller Tadanobu Asano, umgesetzt vom australischen Kameramann Christopher Doyle – ein in die unwägbaren Welten des Unbewussten und ist doch ein Thriller erster Güte. Das Schiff, das einen zwangspensionierten Killer nach Phuket bringt, entpuppt sich als kafkaeskes Labyrinth; und in Thailand wartet nicht ein neues Leben, sondern der Tod in Gestalt eines Karaoke-singenden Nachfolgers. Ein Gespräch mit Pen-ek Ratanaruang über den Tod und die Schönheit des gebrochenen Englisch.

Mr. Ratanaruang, nach was suchen Sie beim Drehen? Was bringen Tadanobu Asano und Chris Doyle mit sich, das andere Schauspieler und Kameramänner nicht haben?

Es sind die unkontrollierbaren Elemente, die Art, wie Asano sich bewegt und wie er spricht, wie Chris Doyle an den Aufbau von Szenen herangeht – ich musste meine Arbeitsweise umstellen: Statt stets die Hosen anzuhaben, lernte ich zu reagieren; diesen flexiblen und spontanen Stil habe ich schätzen gelernt. Ich brauchte aber das aus meinen ersten drei Werken gewonnene Selbstvertrauen, um so arbeiten zu können.

Christopher Doyle gilt als eigenwilliger Kameramann. Keine leichte Zusammenarbeit?

Chris bestimmt die Gestaltung einer Szene mit seinen Ideen, allerdings nur dann, wenn der Regisseur selbst nicht weiterweiß. Er ist eine ausgesprochen starke Persönlichkeit. Zwischen uns besteht ein großes Vertrauen, wir gehen viel zusammen aus, leihen uns Bücher; wir sind Kumpel. Filmemachen ist nur eine unserer Gemeinsamkeiten. Chris ist ein Meister darin, Szenen aufzubauen, die eine gewisse Antizipation atmen und unvorhergesehene Möglichkeiten bergen. Er würde etwa nie mit der Bewegung der Schauspieler mitschwenken, wie die meisten Kameramänner es tun. Er lässt sie ganz oder zum Teil aus dem Bild gehen: Was passiert da jetzt? Manchmal folgt er den Schauspielern mit etwas Verzögerung, ohne sie wieder zu zentrieren, manchmal schneidet er sie an. So wird der filmische Raum für die Zuschauer zu einem spannungsgeladenen Feld, über das sie nie die Kontrolle haben. Das gibt dem Film seinen Rhythmus: Es wirkt, als würde die Kamera auf das Geschehen reagieren und nicht es bestimmen.
Aber Chris respektiert, wenn ich ein Machtwort spreche. Ich erkläre ihm oft, dass zu viel Material im Schneideraum wertlos ist und mich nur verwirrt, ich brauche nur eine Einstellung. Erst beim Schneiden findet der Film seine Form, die Montage ist das Schwerste beim Filmemachen. Bei einem Film wie "Invisible Waves" ist das Schneiden viel komplizierter, weil der Inhalt in den Hintergrund tritt. Der Rhythmus wird sehr wichtig: Wann ist eine Szene zu Ende, welche muss folgen, um dem Film einen inneren Zusammenhalt zu geben?

In "Last Life" versucht die geisterhafte Hauptfigur erfolglos, aus dem Leben zu scheiden, in "Invisible Waves" spielt Asano einen Killer, auf den anstelle des Ruhestands der herbeigesehnte Tod wartet. Ist es für einen jungen Regisseur wie Sie nicht noch ein bisschen früh, sich so intensiv mit dem Tod auseinander zu setzen?

Der Grund für die düstere Grundstimmung beider Filme ist wohl mein gewachsenes Interesse an Themen wie Schuld und Einsamkeit, die sich nur schwer direkt auf die Leinwand bannen lassen. Überhaupt wollte ich weg von den großen Kinoemotionen und mich alltäglicheren Gefühlen zuwenden. Und die sind nicht eindeutig zu bestimmen. Die wenigsten Menschen sind sich darüber im Klaren, wohin sie oder was sie von anderen wollen. Ich denke auch viel über den Tod nach. Es ist nicht so, dass ich sterben will, aber es beschäftigt mich. So jung bin ich nicht mehr, der Tod macht mich immer neugieriger. Vielleicht, weil ich ihn nicht verstehe und Angst vor ihm habe. Letztlich ist das Nachdenken über den Tod doch nur ein anderer Weg, das Leben zu verstehen.
Thema beider Filme ist Sprache und Kommunikation, oder sollte man besser sagen: ihr Versagen?

Auch das hat einen sehr persönlichen Hintergrund. Ich bin zwar in Bangkok geboren und lebe dort die Hälfte des Jahres, aber mein Freundeskreis, meine Arbeit, meine Interessen gehen über die Grenzen des Landes hinaus. Ich spreche genauso häufig Thai wie Englisch, weil viele Ausländer in Thailand leben. Viele meiner Freunde sind Japaner. Die andere Hälfte des Jahres bin ich auf Filmfestivals und spaziere etwa durch ein merkwürdiges Viertel in Bolivien. Ich schließe viele Freundschaften auf diesen Reisen, in Japan, in Frankreich, Deutschland und China. Unsere gemeinsame Sprache ist gebrochenes Englisch, wie man es auch in meinen letzten beiden Filmen zu hören bekommt. Schlechtes Englisch ist sehr charmant. Es ist kein Englisch mehr, es ist eine neue, sich ständig weiterentwickelnde Sprache für die neue Welt, in der wir leben. Es ist eine Welt, in der neue Gemeinsamkeiten zwischen den Menschen entstehen. Freundschaften werden nicht mehr wegen des gleichen Passes oder der gleichen Hautfarbe geschlossen, sondern weil man denselben Geschmack hat. Weil man sich in denselben Clubs wohl fühlt, dieselbe Musik hört und dieselben Filme sieht. Um das zu reflektieren, wirken Menschen aus vielen verschiedenen Ländern an meinen Filmen mit.
In "Invisible Waves" wird Thai, Japanisch, Koreanisch, Kantonesisch und gebrochenes Englisch gesprochen. Die koreanische Schauspielerin Kang Hye-jeong war sehr besorgt, dass ihr Englisch nicht ausreichen würde. Doch ich wollte genau das gebrochene Englisch, das sie spricht, es war perfekt für die Rolle. Ich drehe auch weiter, wenn Schauspieler eine Zeile vergessen oder falsch aussprechen. Sie finden schon ihren Weg aus der Klemme, genau wie im wirklichen Leben.

Volker Hummel lebt als freier Journalist in Hamburg.

Fotos: Verleih



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