Das kurze Leben des José Antonio Gutierrez

Für Volk und Vaterland?

Kinostart: 7.12.2006 | Michael Brake | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Die USA befinden sich in einem demographischen Wandel: Der Bevölkerungsanteil der Hispanics – Einwanderer/innen und US-Bewohner/innen lateinamerikanischer Herkunft – steigt stetig. Schätzungen zufolge liegt er bei rund 13 Prozent und übersteigt inzwischen den Anteil der Afroamerikaner/innen. Es sind vor allem ökonomische Gründe, die die Hispanics zur Immigration in die USA treiben, wo sie zumeist Bürger/innen zweiter Klasse sind, von denen viele keine oder nur eine begrenzte Aufenthaltserlaubnis besitzen. Zur Rekrutierung von Soldaten/innen für den Irak-Krieg stellte die Bush-Regierung daher Freiwilligen die US-amerikanische Staatsbürgerschaft in Aussicht: So waren schließlich 32.000 der rund 300.000 US-Soldaten/innen im Irak solche "Green-Card-Soldier".
Einer von ihnen war José Anton Gutierrez. Am 20. März 2003, nur wenige Stunden nach Beginn des Krieges, starb er. Sein Foto ging um die Welt. Er war der erste im Irak getötete US-Soldat. Heidi Specogna versucht in ihrem Film, Josés Leben nachzuvollziehen. Sie beginnt ihre Suche bei den Mitarbeitern/innen der Waisenhäuser und bei seiner älteren Schwester in Guatemala, wo José aufgewachsen ist: Er war ein Klebstoff schnüffelndes Straßenkind. Seine Eltern starben während des dreißig Jahre währenden Bürgerkriegs in Guatemala, einem Bürgerkrieg, der durch die USA unterstützt wurde.

Weiter geht es, entlang der Stationen auf dem beschwerlichen Weg nach Norden, durch Mexiko und bis in die USA. Dort macht sich José um sechs Jahre jünger, um in ein Minderjährigen-Programm und so an eine Pflegefamilie zu kommen. Viele der Befragten betonen, wie kreativ José war: Er konnte gut zeichnen und wollte Architekt werden. Warum er in die Armee gegangen ist, können sie sich zumeist nicht erklären.

Immer wieder verlässt Specogna in ihrem Film den Lebensweg von Gutierrez und verweist auf aktuelle Zustände: Dass das Elend der Straßenkinder in Guatemala auch nach Kriegsende andauert, wird ebenso gezeigt wie der Alltag der Flüchtlinge auf dem Weg nach Norden. Hier hat der Film seine stärksten und bedrückendsten Momente, etwa beim Besuch einer Feier in einem Heim für all diejenigen Flüchtlinge, die beim Versuch, heimlich nachts auf nordwärts fahrende Züge zu springen, Beine oder Arme verloren haben.

Der Krieg sucht sich seine Opfer zufällig und doch ist José Gutierrez ein Symbol, nicht nur für die Sinnlosigkeit des Irakfeldzugs: Ausgestattet mit einem mittelamerikanischen 08/15-Namen ist Josés Biografie, abgesehen natürlich von seinem Tod, eine Blaupause für viele der zahl- und namenlosen lateinamerikanischen Einwanderer/innen in die Vereinigten Staaten.
Michael Brake

Das kurze Leben des José Antonio Gutierrez, Dokumentarfilm, Deutschland 2006, Buch und Regie: Heidi Specogna, OmU, Kinostart: 7. Dezember 2006 bei Peripher

Foto: Verleih


www.antonio-derfilm.de
Website zum Film (deutsch)
www.filmportal.de
Infos zum Film auf filmportal.de
www.imdb.de

Infos zum Film in der Internet Movie Database
www.filmz.de

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