Children of Men

Apocalypse now

Kinostart: 9.11.2006 | Stefanie Zobl | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Die Apokalypse ist nah im Jahr 2027: Mehr noch als die täglichen Hiobs-Botschaften aus den Großstädten dieser Welt von Bombenexplosionen und Terrorakten mit massenhaft Toten lässt die Nachricht vom Ableben Baby Diegos die Besucher/innen eines Cafés im Zentrum Londons weinend und verzweifelt zusammenbrechen. Baby Diego war bei seiner Ermordung zwar schon 18 Jahre alt, damit aber der jüngste Erdenbürger. Seit seiner Geburt hat wegen einer rätselhaften globalen Unfruchtbarkeit keine Frau mehr ein Kind bekommen.

Einer der Londoner Café-Besucher ist Theo. Der Regierungsbeamte ist ein menschliches Wrack: Struppig und leicht ungepflegt ist er dem Alkohol sehr zugetan, bei Stress sieht man ihn stets aus einer Flasche Hochprozentigem picheln. Irgendetwas ist offensichtlich grundlegend schief gelaufen in Theos Leben. Der Verlust von Baby Diego berührt ihn nicht sonderlich, er scheint sich schon völlig dem Fatalismus hingegeben zu haben. Gerade als Theo das Café verlassen hat, zerfetzt eine Bombe das Gebäude und die Menschen in ihm.

Das Ende der Menschheit

Eine Welt ohne Kinderstimmen, ohne ihr Lachen und Weinen, die Offenheit und Neugier, mit der sie ihre Umgebung entdecken, ihre Unbefangenheit und ihre Unschuld wäre eine wahrlich ausgesprochen traurige Angelegenheit. Aber mehr noch wäre es eine Welt ohne Zukunft und Perspektive, eine Welt ohne Nachwuchs würde unausweichlich das baldige Ende der Menschheit bedeuten. Der mexikanische Regisseur Alfonso Cuarón ("Y tu mamá también", "Harry Potter und der Gefangene von Askaban") gibt dem Homo Sapiens in seiner freien Verfilmung des gleichnamigen Romans der britischen Krimi-Autorin P. D. James nicht mehr viel Zeit: Unsere aktuellen weltpolitischen Probleme haben sich in seiner Endzeit-Vision so derartig zugespitzt, dass es aus dem Weg ins Verderben kein Entrinnen mehr zu geben scheint.

Terroristen und Separatisten sind in ihrer Radikalität grenzenlos geworden. An allen Fronten kämpfen Extremisten, auch für den Fortbestand der Menschheit. Oder für bessere Lebensbedingungen illegaler Immigranten/innen, die zu Zigtausenden von überall her nach Großbritannien strömen. Die Insel ist weltweit der einzige Ort, in dem die Zivilisation noch nicht gänzlich zum Erliegen gekommen ist. Aber auch dort herrscht in Regionen außerhalb bestimmter Schutzzonen Chaos und Krieg. Die totalitäre Regierung hält marodierende und mordende Anarchisten mit dem strikt durchgreifenden Militär in Schach. Die Flüchtlingsmassen werden in Sammellager in abgelegenen, heruntergekommenen Gegenden deportiert und müssen dort teilweise ein Leben in Käfigen fristen. Die Umwelt ist fast völlig zerstört.
Aber so ganz ohne Hoffnungsschimmer würde diese "No Future"-Geschichte natürlich keinen Sinn machen, und die innerlich abgestorbene Hauptfigur bekommt auch ihre Chance, ins Leben zurückzufinden: Theo wird von einer Untergrund-Organisation entführt und dazu gezwungen, Ausreise-Papiere für eine junge Frau zu besorgen. Eine weitere Erklärung gibt es nicht, die Anführerin, Theos Ex-Frau Julian, baut auf gegenseitiges Vertrauen. Und schon befindet sich Theo in der Begleiteskorte für die junge Afrikanerin Kee, die sicher zum sagenumwobenen "Human Project", einer Forscher-Gruppe, die nach Möglichkeiten zum Erhalt der Menschheit sucht, gebracht werden soll.

Ein bisschen Hoffnung

Was für Theo als eine Mischung aus mangelndem persönlichen Widerstand und halbseidenem Gefallen für seine Ex beginnt, wird immer mehr zur Tour de Force für ihn. Er verliert auf ihrer Odyssee von London – durch verschiedene Geheimverstecke der Untergrundkämpfer/innen, zahlreiche polizeiliche Kontrollpunkte und von Kontaktperson zu Kontaktperson – bis zur Küste, wo Kee dem "Human Project" übergeben werden soll, all diejenigen, die ihm in seinem verhunzten Leben noch lieb und teuer waren. Vor allem aber entwickelt sich Theo zum beherzten und selbstlosen Beschützer von Kee, die sich ihm zu einem späteren Zeitpunkt als hochschwanger offenbart.

Im Reportage-Stil folgt der Film Theo und Kee durch die sich in Auflösung befindende britische Gesellschaft. Vieles bleibt bis zuletzt im Dunkeln, es wird bespielsweise nie klar, wie Kees Baby der Menschheit tatsächlich helfen kann, ob es das mysteriöse "Human Project" tatsächlich gibt oder die Protagonisten/innen nur einem Phantom hinterherjagen. Aber warum sollte es dem Publikum im Kino besser ergehen als den Filmfiguren? Mit ihnen auf gleicher Augenhöhe zu sein, sich niemals in Sicherheit wiegen und die Motive der Mit- und Gegenspieler/innen nicht absehen zu können, denn absolut alle könnten Kees Baby für ihre Interessen instrumentalisieren wollen, macht den Film zu einem besonders reizvollen und intensiven Erlebnis.

Besondere Erwähnung verdienen die Darsteller/innen: Clive Owens, der wegen seines Understatements immer wieder eine helle Freude ist, entwickelt sich durchaus glaubwürdig vom resignierten Anti-Helden zum potenziellen Weltenretter. Der absolute Lichtblick des Films ist Michael Caine als Theos bester Freund Jasper. Der Alt-Hippie ist ein feiner Kerl mit Charme und Humor, der mit Marihuana experimentiert und seine an den Rollstuhl gefesselte Frau über alles liebt. Er ist der Idealfall eines Menschen: Trotz aller Hoffnungslosigkeit hat er den Glauben an das Gute und eine Lösung der Probleme nicht verloren und setzt sich obendrein auch dafür ein. Mit ihm kann man trotz aller Düsterkeit herzlich lachen. Und den beiden "leading ladies", Julianne Moore als Theos Ex-Frau Julian und Hauptverantwortliche für Kee, und Claire-Hope Ashitey als die neue Urmutter, möchte man die Zukunft der Menschheit gerne in die Hände legen.

Der Film schafft es, sozialkritisches Engagement mit hohem Unterhaltungswert zu vereinen. Er ist eine Ode an das Leben und die Hoffnung und macht deutlich, wie wichtig Kinder, die in den westlichen Ländern mit ihren in wenigen Jahren überalterten Gesellschaften nachlässig und untergeordnet behandelt werden, in jeder Hinsicht für die Welt sind.

Children of Men, Großbritannien, USA 2006, Regie: Alfonso Cuarón, Buch: Alfonso Cuarón, Timothy Sexton, David Arata, Mark Fergusnach dem Roman von P.D. James, mit Clive Owen, Julianne Moore, Michael Caine, Chiwetel Ejiofor, Charlie Hunnam, Peter Mullan, Danny Huston, Claire-Hope Ashitey, Milenka James, Bruno Ouvrard, Oana Pellea, Kinostart: 9. November 2006 bei UIP

Fotos: Verleih

Stefanie Zobl ist Journalistin in Berlin.


www.childrenofmen.net
Website zum Film (englisch)

http://movies.uip.de/childrenofmen
Website zum Film (deutsch)

www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database

www.filmz.de
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