Pakt des Schweigens

Bericht eines Augenzeugen

Kinostart: 9.11.2006 | Cristina Moles Kaupp | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Bariloche ist eine Kleinstadt in Patagonien fern der Weltnachrichten. In den 1960er-Jahren verirren sich reiche Touristen/innen in das Naturidyll, es gibt einen Radiosender, zweimal wöchentlich eine veraltete Zeitung. Der Filmemacher Carlos Echeverría wurde dort 1958 geboren, als Kind eines Argentiniers und einer Deutschen. Deutsche sind keine Seltenheit im Ort, es gibt sogar eine deutsche Gemeinde mit eigener Schule. In die geht auch Echeverría und merkt bald, dass deutsch nicht gleich deutsch ist. Manche Mitschüler/innen sind blonder als andere, frei von argentinischem Blut und werden bevorzugt. Echeverría wundert sich durch seine Kindheit und beobachtet seine Umgebung. Wie beispielsweise die Nachbarn seiner Großmutter regelmäßig den 20. April feiern – den Geburtstag Adolf Hitlers. Und dann gibt es diesen Erich Priebke, der es recht schnell vom Oberkellner zum Repräsentanten der deutschen Gemeinde und zum Vorstand der Deutschen Schule bringt – einer Schule übrigens, die die BRD finanziert. Wer ist das? Erst viele Jahre später erfährt Echeverría Genaueres, denn 1994 wird Erich Priebke als NS-Kriegsverbrecher verhaftet. Und Echeverría, der in den 1980ern in München das Filmemachen studierte, begibt sich mit der Kamera auf die Spuren der Geschichte.
Mit internationalen Archivaufnahmen, Privatfilmen und nachgestellten Szenen zeigt er Priebkes Werdegang. Geboren 1913 in Henningsdorf bei Berlin, arbeitet Erich Priebke ab 1936 für die Gestapo, ab 1941 in Rom. Dort lässt er als Vergeltung für ein Partisanenattentat am 2. März 1944 in den Adriatinischen Höhlen 335 Zivilisten/innen hinrichten. Priebke hat gute Kontakte zum Vatikan, deshalb kann er sich nach Kriegsende zunächst in einer katholischen Gemeinde in Südtirol verstecken, dann bekommt er für sich und seine Familie Ausreisepapiere mit falschen Namen und gelangt über die so genannte Rattenlinie nach Argentinien. Wenige Monate später ermöglicht eine Amnestie unter Präsident Juan Perón, dass Priebke wieder seinen alten Namen tragen kann. Er zieht nach Bariloche, arbeitet sich hoch und trägt dazu bei, dass nationalsozialistisches Gedankengut in den Schulen nicht vergessen wird.

Echeverría arbeitet die Verflechtungen der ideologisch gleichgeschalteten deutschen Gemeinde heraus, die gelernt hat, über das Vergangene zu schweigen. Ihm ist eine eindringliche, spannend recherchierte, wenn auch subjektiv gefärbte Dokumentation über ein Kapitel der Nachkriegsgeschichte gelungen. Er integriert darin das Leben von Exildeutschen und die politischen Strömungen in Argentinien bis zum Prozess Priebkes 1994 in Rom. Seine 15-jährige Haftstrafe verbüßt Priebke wegen seiner schlechten Gesundheit in Hausarrest.
Cristina Moles Kaupp

Pakt des Schweigens - Das zweite Leben des Erich Priebke, Dokumentarfilm, Deutschland, Argentinien 2006, Buch und Regie: Carlos Echeverría, Farbe und Schwarzweiß, OmU, Kinostart: 9. November 2006 bei Progress

Foto: Verleih


www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database
www.filmz.de
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