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Als Al Gore die Bühne betritt, erhebt sich ein tosender Beifallssturm. Gore zeigt das Gemüt eines Fleischerhundes: "Guten Tag, ich bin der ehemalige zukünftige Präsident der Vereinigten Staaten." Dabei entgleitet ihm kurz ein Grinsen. "Was, sie finden das witzig?" Gores öffentliches Image war nicht immer schmeichelhaft. Charme und Selbstironie gehörten nicht zu den Eigenschaften, für die "Mr. Freeze", wie die Presse ihn einst getauft hat, während seiner Jahre in der Clinton-Administration gerühmt wurde.
"Eine unbequeme Wahrheit", Davis Guggenheims Dokumentation über Gores Kampagne gegen den globalen Klimawandel, zeigt ein dezidiert anderes Bild des ehemaligen US-amerikanischen Vize-Präsidenten. Souverän bewegt er sich über die Bühnen der Auditorien dieser Welt, von Minneapolis bis München und Peking, streut persönliche Anekdoten in seine Präsentation, jongliert mit harten wissenschaftlichen Fakten, reißt Witze und schreckt auch (ganz der alte Politfuchs) vor dramatischen Momenten nicht zurück. Für die Darstellung des weltweiten Co2-Ausschusses in den kommenden 50 Jahren klettert er auf eine Hebebühne, um der exponentiellen Kurve folgen zu können. Höher und höher. "Haben sie schon mal was von 'außerhalb der Skala' gehört?", fragt er trocken sein Publikum. Solche rhetorischen Tricks hat er im knochenharten Politgeschäft gelernt. Zu seiner aktiven Zeit hätte er einem Einbeinigen nicht mal einen Krückstock verkaufen können. Heute lauschen ihm sogar seine Kritiker/innen gebannt.
Der Feldzug von Mr. Freeze
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"Eine unbequeme Wahrheit" ist der erste "Powerpoint-Film" der Filmgeschichte. Der erste Film auch, der – im Gegensatz zu einem Roman, einem Videospiel oder einer Achterbahnfahrt – auf einer populärwissenschaftlichen Vortragsreihe basiert. Seit 1989 reist Al Gore mit seiner "Diashow" um die Welt, um den Menschen von den Folgen des Klimawandels zu erzählen. Annähernd tausend Vorträge hat er seitdem gehalten. 1997 war er bei der Ratifizierung des Kyoto-Abkommens dabei, das die Bush-Regierung seither so vehement ablehnt. Die USA haben weiterhin die weltweit höchste Pro-Kopf-Karbon-Emissionsrate. Nichts hat sich geändert.
Wenn man Al Gore in "Eine unbequeme Wahrheit" beobachtet, bekommt man auch eine Ahnung davon, wie schmerzhaft seine Niederlage im Präsidentschaftswahlkampf von 2000 für ihn gewesen sein muss. Die "gestohlene" Präsidentschaft war eine amerikanische Demütigung. Der Rückschlag für die amerikanische Umweltpolitik war Gores ganz persönliche Niederlage. In "Eine unbequeme Wahrheit" spricht er einmal von seiner Frustration und Hilflosigkeit nach der Wahl 2000. Kurz darauf begann er, sich wieder verstärkt seinen Vorträgen zu widmen.
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Im Gegenzug führt Gore im Film vor, wie die Taktik seiner Gegner aussieht. Die so genannten Unstimmigkeiten über die Ursachen des Klimawandels entspringen entgegen den Behauptungen der Öl-Lobby keineswegs wissenschaftlichen Debatten, sondern sind eine gezielt in den populären Medien gestreute Mär. Kein ernst zu nehmender Klimaforscher zweifelt heute noch daran, so Gore, dass der erhöhte Co2-Ausschuss maßgeblich für die Erderwärmung verantwortlich ist. Doch auch Gore ist kein einsamer Rufer im Wald mehr. Selbst Bushs Wadenbeißer Bill O'Reilly von Fox News hat "Eine unbequeme Wahrheit" seinen Zuschauern/innen vorbehaltlos empfohlen.
Eine Frage der Moral
Dass Al Gores Kampf gegen die Klimakatastrophe aus den dunklen Vortragssälen heraus auf die große Leinwand gezerrt wurde, verdankt sich denselben Leute, die sich schon für "Good Night, and Good Luck" (2005) und "Syriana" (2005) verantwortlich zeigten: Ebay-Gründer Jeff Skoll und seiner Produktionsfirma Participant. Participant versteht sich als Arbeitsplattform für Filmemacher/innen mit sozialem Anspruch.
Ganz ähnlich argumentiert auch Gore in "Eine unbequeme Wahrheit" – und entschärft damit auch einen alten Vorwurf seiner Kritiker/innen. Die Bekämpfung des Klimawandels sei kein politische Verantwortung, sondern in erster Linie eine moralische Verpflichtung. In diesem Spannungsfeld zwischen dem Politischen und Moralischen bewegt sich auch Guggenheims Film.
Dass sich die politische Dimension des Klimawandels nicht einfach ignorieren lässt, wird vor allem in den Szenen deutlich, in denen Guggenheim noch einmal Gores Trauma der "gestohlenen" Präsidentschaftswahl aufgreift. Michael Moore zeichnete Gore in "Fahrenheit 9/11" (2004) als erbärmlichen Verlierer, der sich kampflos der Entscheidung des Obersten Gerichtshofs fügte. In "Eine unbequeme Wahrheit" wirkt Gores Kampf auch als politische Trägödie nach. Guggenheims Bilder suggerieren, und die Frage drängt sich tatsächlich auf, wie die Umweltbilanz der USA heute aussehen würde, wäre Gores Wahlsieg vor sechs Jahren vom Obersten Gerichtshof anerkannt worden. So verkehrt sich die Frage der moralischen Verpflichtung sofort wieder in ein politisches Problem.
Diese Verquickung von persönlichem und nationalem Schicksal, moralischen und politischen Standpunkten, Missionierungswillen und Selbstaufopferung macht "Eine unbequeme Wahrheit" zu einem perfekten Stück Propagandakino. Aber Gores Botschaft steht so deutlich über dem Film, dass man großzügig über die manipulativen Tricks Guggenheims hinwegsieht. Bei allem persönlichen Ballast, den Gore in "Eine unbequeme Wahrheit" mit sich herumschleppt: Klarer und fundierter hat im Kino noch nie jemand den Vereinigten Staaten (und dem Rest der Welt) die Meinung gegeigt.
(An Inconvenient Truth) Dokumentarfilm, USA 2006, Regie: Davis Guggenheim, mit Al Gore, Kinostart: 12. Oktober 2006 bei UIP
Foto: Verleih
Andreas Busche ist Filmarchivar und schreibt für und über die Kulturindustrie.
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