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Animationswunderwerk: Chihiros Reise

Vielschichtiger Oscargewinner aus Japan

Kinostart: 19.6.2003 | Jörg Buttgereit | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Die 10-jährige Chihiro muss mit ihren Eltern von Tokyo in die Vorstadt umziehen. Auf der Autofahrt dorthin kommt der Vater vom Weg ab, und die drei verirren sich in einem scheinbar stillgelegten Themenpark. Kein Mensch ist weit und breit zu sehen. Doch überall sind die leckersten Speisen angerichtet, die verführerisch duften. Gierig stürzen sich Chihiros Eltern auf das Essen. Entsetzen überkommt die Kleine, als sich ihre maßlosen Eltern urplötzlich in Schweine verwandeln.


Um ihre Eltern zu retten, begibt sich Chihiro nun in eine seltsame Zauberwelt, in der sie unter der herrschenden Hexe Yubaba (synchronisiert von Nina Hagen) in einem mehrstöckigen Badehaus zu arbeiten beginnt. Chihiros Mitbedienstete sind in Frösche verwandelte Menschen und in Frauen verwandelte Schlangen, und sie lernt die acht Millionen Götter und Naturgeister kennen, die sich von den Strapazen ihres Daseins in den heißen Bädern erholen wollen. Welches Wesen verbirgt sich wohl unter der abscheulich stinkenden Kloake, die den Faulgott umgibt, den Chihiro als erstes baden muss?

Traditionsbewusstsein und Fortschritt

Ihren Ursprung haben diese seltsamen und gutmütigen Fabelwesen ebenso in der japanischen Mythologie wie in den uns vertrauten Märchen der Gebrüder Grimm. Diese Geister sind keine schrecklichen Monster, vor denen man weglaufen sollte, es sind vielmehr die Boten von Weisheiten. Gelingt es Chihiro, sich an ihren eigenen Namen zu erinnern, gibt ihr die Hexe ihre Eltern zurück.

So versetzt "Chihiros Reise ins Zauberland" den Zuschauer ins Staunen. Wir teilen Chihiros Blick, die Sichtweise eines lernenden Kindes auf eine Welt voller Rätsel und Regeln. Die Suche nach Sinn und Zweck unseres Daseins ist ein zentrales Thema in der zeitgenössischen japanischen Filmkultur. Selbst für Kinder gilt, Traditionsbewusstsein und Fortschritt auf ihrem Lebensweg zu vereinen. Mit Mut und Selbstvertrauen stellt sich die kleine Chihiro den Herausforderungen des Lebens.

Vielschichtig und ohne Altersbeschränkung

Dass dieses vielschichtige, 125 Minuten andauernde Animationswunderwerk auch von kleinen Kindern begreifbar sein soll, ist für westliche Erwachsene, die Kinder generell unterfordern zu wollen scheinen, schwer vorstellbar. Doch tatsächlich konnte ich mich kürzlich bei einem Besuch in Tokyo vom Gegenteil überzeugen. In dem fünfstöckigen Kinderkaufhaus Kiddyland im Stadtteil Aoyama stehen Kleinkinder vor den Videomonitoren und gucken gebannt "Chihiro". Und die Regale sind gefüllt mit Figuren und Schreibwarenartikeln mit Chihiros Konterfei.


Die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft, die den Film in Deutschland ohne Altersbeschränkung freigegeben hat, war hier ausnahmsweise mal ihrer Zeit voraus. Wenn japanische Knirpse "Chihiros Reise ins Zauberland" verstehen, dann können das die Kinder hier auch. Intuitiv werden sie das moralisch komplexe Märchen über das Erwachsenwerden meistern. Und die erwachsenen Begleitpersonen sollten sich nicht den Kopf zerbrechen, ob sie wirklich alle Botschaften dieses poetischen Märchens verstanden haben, sondern mit der Gewissheit das Kino verlassen, etwas wirklich Außergewöhnliches gesehen zu haben.

Weltweit hingerissen

Der 62-jährige Regisseur und Autor Hayao Miyazaki, der uns zuletzt mit "Prinzessin Mononoke" (1997) verzauberte, ist in seiner Heimat eine Institution wie etwa Walt Disney. "Sen to Chihiro no Kamikakushi", so der Originaltitel, hat in Japan mit mehr als 20 Millionen Zuschauern selbst James Camerons "Titanic" an der Kinokasse hinter sich gelassen. Und auch die westliche Welt ist hingerissen von Miyazakis "Kinderfilm". Im Februar 2002 hat "Chihiro" als erster Zeichentrickfilm den Goldenen Bären bei der Berlinale erhalten. In diesem Jahr kam sogar noch der Oscar für den besten Animationsfilm dazu. Damit hat er US-amerikanische Oscar-Anwärter wie "Ice Age" und "Shrek" um den weltweit wichtigsten Filmpreis gebracht. Ein wahres Wunderwerk. "Alice im Wunderland" auf Japanisch.

Doch wurden all diese Preise und Ehrungen von Erwachsenen verliehen, die zu glauben scheinen, sie wüssten, was schön und gut für Kinder ist. Nur zu gerne würde ich nun eine Besprechung oder Kritik von einem Kind zu "Chihiros Reise ins Zauberland" lesen.

Chihiros Reise ins Zauberland (Sen to Chihiro no kamikakushi/Spirited Away), Japan 2001, Buch und Regie: Hayao Miyazaki, Kinostart: 19. Juni 2003 bei Universum Film

Foto: Verleih

Jörg Buttgereit, geboren 1963 in Berlin, arbeitet als Autor und Regisseur für Film, Fernsehen und Radio. Außerdem schreibt er regelmäßig Filmkritiken und vergnügt sich nebenbei als Disc Jockey.



www.kinofenster.de
Der Regisseur über seinen Film und weitere Hintergrundtexte in der aktuellen Ausgabe von "Kinofenster"

www.ntv.co.jp/ghibli/sennokami/index2.html
Website zum Film (japanisch)

http://bventertainment.go.com/movies/spiritedaway/
Website zum Film (englisch)

www.chihirosreise.de
Website zum Film (deutsch)

www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database




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