Um ihre Eltern zu retten, begibt sich Chihiro nun in eine seltsame Zauberwelt, in der sie unter der herrschenden Hexe Yubaba (synchronisiert von Nina Hagen) in einem mehrstöckigen Badehaus zu arbeiten beginnt. Chihiros Mitbedienstete sind in Frösche verwandelte Menschen und in Frauen verwandelte Schlangen, und sie lernt die acht Millionen Götter und Naturgeister kennen, die sich von den Strapazen ihres Daseins in den heißen Bädern erholen wollen. Welches Wesen verbirgt sich wohl unter der abscheulich stinkenden Kloake, die den Faulgott umgibt, den Chihiro als erstes baden muss?
Traditionsbewusstsein und Fortschritt
Ihren Ursprung haben diese seltsamen und gutmütigen Fabelwesen ebenso in der japanischen Mythologie wie in den uns vertrauten Märchen der Gebrüder Grimm. Diese Geister sind keine schrecklichen Monster, vor denen man weglaufen sollte, es sind vielmehr die Boten von Weisheiten. Gelingt es Chihiro, sich an ihren eigenen Namen zu erinnern, gibt ihr die Hexe ihre Eltern zurück.
Die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft, die den Film in Deutschland ohne Altersbeschränkung freigegeben hat, war hier ausnahmsweise mal ihrer Zeit voraus. Wenn japanische Knirpse "Chihiros Reise ins Zauberland" verstehen, dann können das die Kinder hier auch. Intuitiv werden sie das moralisch komplexe Märchen über das Erwachsenwerden meistern. Und die erwachsenen Begleitpersonen sollten sich nicht den Kopf zerbrechen, ob sie wirklich alle Botschaften dieses poetischen Märchens verstanden haben, sondern mit der Gewissheit das Kino verlassen, etwas wirklich Außergewöhnliches gesehen zu haben.
Weltweit hingerissen
Der 62-jährige Regisseur und Autor Hayao Miyazaki, der uns zuletzt mit "Prinzessin Mononoke" (1997) verzauberte, ist in seiner Heimat eine Institution wie etwa Walt Disney. "Sen to Chihiro no Kamikakushi", so der Originaltitel, hat in Japan mit mehr als 20 Millionen Zuschauern selbst James Camerons "Titanic" an der Kinokasse hinter sich gelassen. Und auch die westliche Welt ist hingerissen von Miyazakis "Kinderfilm". Im Februar 2002 hat "Chihiro" als erster Zeichentrickfilm den Goldenen Bären bei der Berlinale erhalten. In diesem Jahr kam sogar noch der Oscar für den besten Animationsfilm dazu. Damit hat er US-amerikanische Oscar-Anwärter wie "Ice Age" und "Shrek" um den weltweit wichtigsten Filmpreis gebracht. Ein wahres Wunderwerk. "Alice im Wunderland" auf Japanisch.
Doch wurden all diese Preise und Ehrungen von Erwachsenen verliehen, die zu glauben scheinen, sie wüssten, was schön und gut für Kinder ist. Nur zu gerne würde ich nun eine Besprechung oder Kritik von einem Kind zu "Chihiros Reise ins Zauberland" lesen.
Chihiros Reise ins Zauberland (Sen to Chihiro no kamikakushi/Spirited Away), Japan 2001, Buch und Regie: Hayao Miyazaki, Kinostart: 19. Juni 2003 bei Universum Film
Foto: Verleih
Jörg Buttgereit, geboren 1963 in Berlin, arbeitet als Autor und Regisseur für Film, Fernsehen und Radio. Außerdem schreibt er regelmäßig Filmkritiken und vergnügt sich nebenbei als Disc Jockey.
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