World Trade Center

Erbauungsfilm

Kinostart: 28.9.2006 | Ernst Kramer | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Die Polizisten John McLoughlin und Will Jimeno befinden sich im Erdgeschoss des World Trade Centers, als beide Türme am 11. September 2001 nacheinander einstürzen. Unter Schutt begraben und schwer verletzt, kämpfen sie mit Wahnvorstellungen, Ohnmacht und herabfallenden Trümmerteilen, während draußen die Bergungsarbeiten beginnen ...

"World Trade Center" ist viel besser als sein Trailer. Dort laufen alle Bilder in Zeitlupe, begleitet von grauenhaft schnulziger Musik, als sei der 11. September nichts anderes als ein Siegestag in der Karriere von "Seabiscuit". Nicht so der Film. Regisseur Oliver Stone ("Alexander", 2004) hält sich in den Bereichen Werbe-Ästhetik und hohlem Pathos, ganz entgegen seiner sonstigen Gewohnheit, sehr zurück. Das heißt aber nicht, dass Stone diesmal unkonventionelle Wege geht. "World Trade Center" erzählt auf klassische Art und Weise eine Geschichte, die auf wahren Geschehnissen beruht. Im Fokus liegen die Familien der beiden Verschütteten. Dabei entwickelt Stone eine behutsame und unaufdringliche Charakterisierung, und die weibliche Besetzung wird angeführt von der besten aller anzunehmenden amerikanischen Ehefrauen, Maria Bello ("A History of Violence", 2005).
Die besondere Situation der Hauptfiguren birgt jedoch eine gewisse dramaturgische Gefahr. Man hat es über lange Zeit nur mit "Talking Heads" zu tun: In immer gleichen Bildausschnitten sieht man den Köpfen der bombenfest eingeklemmten Gesetzeshüter beim Sprechen zu, was sicherlich den einen oder anderen auf Handlung und bewegte Bilder wartenden Kinogänger zu irritieren vermag und den Genuss dieses ansonsten ziemlich gelungenen Films ein wenig trübt.

"World Trade Center" vermeidet Verweise auf die politischen Folgen des 11. September. Die einzige Ausnahme bildet die Figur des Sergeant Dave Karnes, der bei der Rettung der Verschütteten eine große Rolle spielt. Karnes ist ein Marine, wie er im Buche steht: wortkarg, undurchschaubar, mit gefährlich-dumpfer Aura. Die in dieser Rolle steckende Ambivalenz liefert eine Vorahnung auf das in vielen Punkten fatale Reagieren der US-Regierung in den Jahren danach.

Dem Film ob seiner Konzentration auf hilfsbereite und gute Akteure jedoch vorzuwerfen, er zeige ein verlogenes Bild der USA, wäre falsch. Es handelt sich hier nicht um eine Bestandsaufnahme des Zustands der US-amerikanischen Gesellschaft, sondern um einen gezielt erbaulichen, emotionalen Film: Menschen schöpfen Hoffnung in den schlimmsten Situationen, diese Tatsache war schon immer bester Kinostoff.

Freilich liefert "World Trade Center" nur ein Puzzleteil in der Realität des 11. September, wie wir ihn heute sehen. Aber der Film ist nicht zuletzt deswegen so bewegend, weil er daran erinnert, welchen moralischen Bonus die USA zu dieser Zeit hatten. Denn das führt automatisch zu der Frage, warum sie ihn verloren haben.
Ernst Kramer

World Trade Center, USA 2006, Regie: Oliver Stone, Buch: Andrea Berloff, mit Nicolas Cage, Maggie Gyllenhaal, Maria Bello, Michael Pena, Jay Hernandez, Armando Riesco, Donna Murphy, Patti D'Arbanville, Brad William Henke, Lucia Brawley, Kinostart: 28. September 2006 bei UIP

Foto: Verleih



www.wtcmovie.com
Website zum Film (englisch, deutsch, französisch und weitere Sprachen)
www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database
www.filmz.de
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