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Road to Guantánamo

Ambivalentes Politstück

Kinostart: 21.9.2006 | Andreas Busche | Kommentar schreiben | Artikel drucken


Es beginnt ganz harmlos. Anfang Oktober 2001, knapp drei Wochen nach den Anschlägen auf das World Trade Center in New York, folgen Shafiq, Ruhel und Monir ihrem Freund Asif von Birmingham nach Pakistan, um an dessen Hochzeit teilzunehmen. Da es bei den Feierlichkeiten Verzögerungen gibt, kommen die vier jungen Männer auf die grandiose Idee, einen Abstecher nach Afghanistan zu machen. Die naive Erwartung, sie könnten der einheimischen Bevölkerung zu Hilfe kommen, wird schnell enttäuscht. "Als wir die Grenze überquerten, schien alles ganz normal", erzählt Asif im Interview. "Es schien nicht einmal, als würden wir ein anderes Land betreten. Doch mit unserer Ankunft ergab sich ein völlig neues Bild." Die US-amerikanischen Bombardements auf die Taliban-Stellungen in der Region um Kandahar im Süden Afghanistans haben gerade ihren Höhepunkt erreicht; an humanitäre Hilfe ist nicht zu denken. Nach zwei Wochen in Kabul landen die vier Freunde im falschen Bus, der sie, statt zurück nach Pakistan, weiter in Richtung der Frontlinien transportiert. Monir geht in den Kriegswirren von Kunduz verloren. Die übrigen drei werden im November 2001 von den vorrückenden Truppen der Nordallianz zusammen mit fliehenden Talibankämpfern aufgegriffen und dem US-amerikanischen Militär übergeben.

Moralische Geiselhaft?

Der Fall der so genannten "Tipton Three" Asif, Shafiq und Ruhel machte 2004 international Schlagzeilen. Über zwei Jahre lang wurden die drei Briten im US-amerikanischen Internierungslager Guantánamo Bay festgehalten, bis man sie aus Mangel an Beweisen freiließ. Alles, was man gegen sie vorzubringen hatte, war eine englische Strafakte wegen einiger kleinkrimineller Delikte und das grobkörnige Video einer iranischen Demonstration aus dem Jahr 2000, auf der Osama Bin Laden anwesend war – und laut CIA auch einer der Briten. Als der britische Regisseur Michael Winterbottom von den drei Männern aus Tipton bei Birmingham hörte, entschloss er sich spontan, einen Film über ihre Erfahrungen in Guantánamo Bay zu machen.

Auf der diesjährigen Berlinale wurde "Road to Guantánamo" mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Zwar gewann Winterbottom zusammen mit seinem Co-Regisseur Mat Whitecross für die Regie den Silbernen Bären, aber Kritiker monierten an "Road to Guantánamo" auch zurecht, dass Winterbottom die Zuschauenden mit seiner Schilderung der Zustände auf Guantánamo Bay in eine Art moralische Geiselhaft nehme, die außer der bloßen Empörung keine tiefere Auseinandersetzung mit dem Thema ermögliche.

Zusätzliche Brisanz erhielt "Road to Guantánamo" wenige Tage darauf, als die Darsteller des Films sowie zwei der "Tipton Three" bei der Rückkehr nach England von den britischen Behörden in Gewahrsam genommen wurden und für einige Stunden Erniedrigungen und peinliche Fragen über sich ergehen lassen mussten. Die britische Regierung tat diesen Zwischenfall als Routineüberprüfung ab, aber das Vorgehen der Grenzbeamten und ihre Verhörmethoden ließen unmissverständlich auf polizeiliche Willkür schließen. Unter anderem wollten die Polizisten von den pakistanisch-stämmigen Schauspielern wissen, ob sie vorhätten, in Zukunft mehr politische Filme zu drehen.

Eine ganz konkrete Geschichte?

Ein faires Urteil über "Road to Guantánamo" fällt unter diesen Umständen schwer. Alles Filmische, Ästhetische, selbst das Formale wird von seinem Thema überschattet. Das allein macht Winterbottoms Film nicht per se problematisch, aber es verstellt bereits im Vorfeld alle von Winterbottom nicht intendierten Rezeptionsmöglichkeiten. In Interviews betonte der Regisseur immer wieder, er habe einfach nur "eine ganz konkrete Geschichte" erzählen wollen. Das hat mit seinem letzten Film "In this World" (2002) zum Teil noch funktioniert. Winterbottoms pseudo-dokumentarische Spielszenen halfen, eine abstrakte politische Bedrohung, die "Festung Europa", unmittelbar erfahrbar zu machen und den toten Körpern in den Containern von Dover oder an den Grenzzäunen von Melilla sozusagen eine (wenn auch fiktive) Geschichte zuzuschreiben.

Die Geschichte der "Tipton Three" hingegen ist (relativ) bekannt – "konkret", in den Worten Winterbottoms. Sie ist ein Skandal, eine Menschenrechtsverletzung sondergleichen und eine demokratische Bankrotterklärung. Die Aussagen von Asif, Shafiq und Ruhel sind immens wichtige Zeugnisse, um Guantánamo Bay nicht nur als Politikum, sondern auch als menschliche Tragödie begreiflich zu machen. Eine Erfahrung, die Schmerz und Traumata nach sich zog. Das Politische ist hier vom Persönlichen nicht zu trennen, und dennoch erfordern beide differenzierte Betrachtungsweisen. Genau hierin liegt die Schwäche von "Road to Guantánamo".

Wirkungslose Kritik?

Winterbottom kann sich der Empörung des Publikums gewiss sein, doch über diese Empörung hinaus scheint ihn kaum etwas zu motivieren. Meistens begnügt er sich damit, die wenigen Bilder, die der Weltöffentlichkeit von Guantánamo Bay bekannt sind (die orangefarbenen Sträflingsanzüge, die Hundezwinger, Heavy-Metal-Beschallung, Koranschändung), nachzustellen – als vermittele die bloße Abbildung die letzte Erkenntnis über das Skandalon Guantánamo Bay. So bleibt "Road to Guantánamo" trotz bester Absichten seltsam ambivalent. Als Augenzeugenbericht dreier ehemaliger Guantánamo-Häftlinge ist Winterbottoms Film nicht nachdrücklich genug, weil der Regisseur wenig Vertrauen in die Überzeugungskraft ihrer Geschichte zu haben scheint und der Versuchung nachgibt, die zweijährige Odyssee der Männer von Darstellern nachspielen zu lassen.

Als Kritik an der US-Außenpolitik dagegen bleibt "Road to Guantánamo" vollends wirkungslos, weil Winterbottoms Film im dramatischen Korsett eines Fernsehspiels nie über seine "konkrete Geschichte" hinausweist. Daran ändern auch die eingestreuten Nachrichtenschnipsel, die Wackelkamera und die hektischen "Action"-Szenen wenig. Gravierender noch: Irgendwann sind Dokumentation, Fiktion, Rekonstruktion und Nachrichtenmaterial kaum mehr auseinander zu halten. So schadet Winterbottom nicht nur der Intention seines Films, Empathie für die Opfer des "War against Terror" zu entwickeln. Ärgerlicher ist, dass auch die notwendige Reflexion der politischen und rechtlichen Umstände von Guantánamo Bay außen vor bleiben. Der Film verpasst die Gelegenheit einer grundlegenden Kritik an Folterpraktiken – ob Dschihad-Krieger oder Zivilist, sollte in dieser Frage keine Rolle spielen. Winterbottom jedoch argumentiert ungeschickt, wie liberale Kritiker/innen der Todesstrafe: Guantánamo Bay ist ein Skandal, weil wahllos auch Unschuldige interniert wurden.

Trotz dieser Schwächen wäre es jedoch falsch, "Road to Guantánamo" seine Berechtigung abzusprechen. Gerade im Dokumentarfilm-Bereich, dem man Winterbottoms Film zumindest zu 50% zurechnen kann, haben Filmemacher/innen in den letzten Jahren eine beachtliche Flexibilität bewiesen, wenn es darum ging, unmittelbar auf aktuelle politische Entwicklungen zu reagieren. Filme wie "Road to Guantánamo", Spike Lees Hurricane-Katrina-Abrechnung "When the Levees Broke" (2006) oder die demnächst in den Kinos startende Dokumentation "Eine unbequeme Wahrheit" (2006) über Al Gores Kampf gegen den Klimawandel bilden heute eine Art informelle Gegenöffentlichkeit. Es sind Schnellschüsse, die ihre Botschaft möglichst direkt an ihre Adressaten/innen bringen wollen. Auch wenn diese wie im Falle von "Road to Guantánamo" nicht ganz verlustfrei die Empfänger/innen erreicht, ist es doch wichtig, dass da noch jemand ist, der den Mund aufmacht. Selbst wenn er ihn sich dabei auch mal verbrennt.

(The Road to Guantánamo) Großbritannien 2006, Buch und Regie: Michael Winterbottom, Mat Whitecross, mit Rizwan Ahmed, Farhad Harun, Waqar Siddiqui, Arfan Usman, Shahid Iqbal, Adam James, Jason Salkey, Kinostart: 21. September 2006 bei Falcom

Fotos: © Verleih

Andreas Busche ist Filmarchivar und schreibt für und über die Kulturindustrie.



www.channel4.com
Website zum Film (englisch)

www.roadtoguantanamo.de
Website zum Film (deutsch)

www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database

www.filmz.de
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