Volver

Eine Frauensache

Kinostart: 3.8.2006 | Philipp Bühler | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Wo sind all die Männer hin, wo sind sie geblieben? Die einen liegen in Gräbern, und über die Gräber weht der Wind, der hier, in der Gegend um Madrid, ein Ostwind ist. Alte und junge Frauen in Kittelschürzen säubern die Gräber vom Sand, eine bei diesem Wind nutzlose, aber wichtige und hingebungsvolle Arbeit zum eigenen Wohle und zu dem der Gemeinschaft. Hier auf dem Friedhof findet der soziale Austausch statt, für den die Männer ohnehin nicht so wesentlich sind. Und auch die eigenen Gräber, die schon längst bestellt sind, wollen gepflegt sein. Es ist nun mal so, sagen die Frauen: Männer sterben früher als Frauen. In "Volver", dem neuen Film von Pedro Almodóvar, sterben sie besonders schnell.

Bitte nicht stören


Denn die anderen Männer, die noch leben, sind zu nichts Nutze. Der Mann von Raimunda (Penélope Cruz) zum Beispiel hängt arbeitslos auf dem Sofa herum und trinkt Bier. Im nächsten Moment ist er tot, erstochen von der eigenen Tochter, die sich gegen einen sexuellen Übergriff zur Wehr gesetzt hat. Es gibt da nichts zu bedauern. Aber ein Problem, das gibt es: wohin mit der Leiche?

Das Problem mit der Leiche – diese verschwindet zunächst einmal in der Tiefkühltruhe – ist ein Standard der schwarzen Komödie, aber Almodóvar, der seinen Film eine "dramatische Komödie" nennt, hat natürlich mehr vor. Das spanische Wort "volver" bedeutet "zurückkehren", und für ihn ist der Film eine Rückkehr zum "weiblichen Universum" seiner frühen Filme, zu den Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs. Und eine Rückkehr nach La Mancha, dem Ort seiner Kindheit, den er mit seiner Mutter verbindet. In "Volver" feiert er, das bekennende Muttersöhnchen, die Frauen dieser Landschaft, ihre Warmherzigkeit, ihre Schönheit, ihren Pragmatismus auch im Umgang mit dem Tod und ihren Zusammenhalt. Männer würden da nur stören.
Eine kleine Entwarnung: Es gibt auch anständige Männer in "Volver", sie kommen nur kaum vor. Einer von ihnen fragt Raimunda, die gerade den Ehemann entsorgt hat, nach dem Blut an ihrem Hals. "Eine Frauensache", antwortet sie geistesgegenwärtig. So, das glauben wir Almodóvar einfach mal, sind die Frauen von La Mancha. Die schöne Raimunda ist unter ihnen, wie sie hier perfekt geschminkt auf Stöckelschuhen durch den eher ärmlichen Arbeitervorort stolziert, die eindeutig schillerndste Erscheinung. Aber da sind noch viele andere. Ihre Tochter Paula kann es mit der abgeklärten Mutter bereits aufnehmen. Schwester Sole ist schlichter gestrickt, aber mit ihrem illegalen Friseursalon im eigenen Badezimmer ein unverzichtbarer sozialer Fixpunkt. Eine Bekannte hat es als Moderatorin ins "Trash-Fernsehen" geschafft. Im späteren Verlauf landet die Nachbarin Agustina in ihrer Show, um vor ihrem nahen Tod ein trauriges Rätsel zu lösen: der Verbleib ihrer seit Jahren verschwundenen Mutter. Das ist natürlich völlig verrückt. Aber schließlich ist das heimatliche Dorf in La Mancha, wo der Film aus Madrid immer wieder hinpendelt, das Dorf mit der höchsten Verrücktendichte in ganz Spanien.

Der Glanz des Alltags

Auch der Film wird immer verrückter. Raimundas tote Mutter kriecht als Geist aus Soles Kofferraum, arbeitet heimlich als angeblich sprachlose russische Aushilfe im Friseursalon und verspricht Aufklärung über die merkwürdigen Vorkommnisse, die vor vier Jahren für so viel Verschwinden und Tod gesorgt haben. Man weiß eigentlich bis zum Schluss nicht so recht, ob Irene nun wirklich ein Geist ist oder nicht doch eine wirkliche, lebende Person. Aber dass sie von Almodóvars ehemaliger Muse Carmen Maura gespielt wird und dass die Toten in diesem immer komplizierter werdenden Film ein merkwürdiges Eigenleben führen, begreift man instinktiv.

Man würde den Film vermutlich als surreale Wahnsinnstat beschreiben, hätte Almodóvar selbst nicht schon viel größeren Unsinn verzapft. Zu Frauen, sagt er, fallen ihm eben Komödien ein. Die tragischen Männerfilme "Sprich mit ihr" (2002) und "La Mala Educación" (2004) zeigten zuletzt die Kehrseite der Medaille. Armer Pedro! In "Volver" hat er zu einer neuen Ausgewogenheit gefunden, zu einer großen inneren Ruhe, die das Irrationale und Absurde aber nicht ausschließt, da es nun einmal zum Leben gehört. Man darf wohl von Reife sprechen.

Nun sind die ausgewogenen Filme nicht zwangsläufig die besten. Aber immer, wenn sich der Film in seinen vielen Fäden zu verheddern droht und einem des Rätsels Lösung gar nicht mehr so wichtig erscheint, kann man ihm einfach nur zusehen. Seiner Farbenpracht kann sich niemand entziehen. Kostüme und Ausstattung sind schlicht ein Genuss. Das ganz normale Alltagsleben erstrahlt bei Almodóvar in einem Glanz, der Hollywood glatt in den Schatten stellt. In Hollywood hat Penélope Cruz ("Sahara", 2005) eigentlich nur schlechte Filme gedreht. Bei Almodóvar, der sie bisher nur in ganz großen Nebenrollen besetzt hat, ist davon nichts zu merken. Den ganzen Film hat er um sie herum gebaut. Er schaut ihr beim Spülen in den Ausschnitt und auf den Hintern, den er ein wenig vergrößern ließ, weil seine Frauen eben größere Hintern haben. Mit ihm beobachtet man Cruz beim Einkaufen und beim Kochen, und mehr braucht es im Grunde gar nicht. Sie tut hier meistens Dinge, die als weiblich gelten, bestreitet den ganzen Film aber mit einem nüchternen Durchsetzungswillen, den man gewöhnlich als männlich bezeichnet. Obwohl Schauspielerinnen wie Sophia Loren oder Anna Magnani dasselbe schon in den 1950ern vorgespielt haben. Was nur zeigt, wie verquer und holzschnittartig Kino-Rollenbilder bis heute ausfallen. Wahrscheinlich ist es ja der katholische Machismo, der solche Frauen hervorbringt. Irgendwann wird man sich davon in La Mancha erzählen wie von einer glücklich verschwundenen Leiche. Über den Gräbern.

Volver, Spanien 2006, Buch und Regie: Pedro Almodóvar, mit Penélope Cruz, Carmen Maura, Lola Dueñas, Blanca Portillo, Yohana Cobo, Chus Lampreave, Antonio De La Torre, Carlos Blanco, Isabel Díaz, Neus Sanz Escobar, Kinostart: 3. August 2006 bei Tobis

Fotos: Verleih

Philipp Bühler ist Filmjournalist in Berlin.


www.clubcultura.com
Website zum Film (spanisch, englisch, französisch)

www.tobis.de

Mehr über den Film auf der Website des deutschen Verleihs

www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database

www.filmz.de
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