Schon die erste Szene reißt einen mitten ins Geschehen. Ein Elendsviertel in Rio de Janeiro. Musik aus allen Röhren, Staub und Dreck, Menschengewimmel. Ein Huhn ist von der Schlachtbank entwischt und rennt in Panik um sein Leben - eine johlende Menge dicht auf den Fersen. Besser als jede Autoverfolgungsjagd. Plötzlich tritt die Polizei auf den Plan, man steht sich gegenüber, und hört auf allen Seiten das Klicken entsicherter Waffen. Das ist kein Spaß mehr, das ist der Straßenkrieg, der sich im nächsten Augenblick in gnadenloser Gewalt entladen wird. Doch dann werden Bild und Ton eingefroren, die Kamera dreht sich langsam um sich selbst und landet in der Vergangenheit. In epischen Spannungsbögen, komplex verschachtelten Rückblenden und irrwitzigem Rhythmus erzählt Regisseur Fernando Meirelles nun, wie alles begann: der Teufelskreis aus Drogen und Gewalt, der paramilitärische Kampf um Macht und Territorium. Am Ende sind wir wieder beim Huhn, und noch dazu fix und fertig.

Es geht um ein dunkles Kapitel der brasilianischen Geschichte, das noch nicht abgeschlossen ist. Seit dem Ende der Sechziger ist das Leben in den Favelas vom Kokainhandel bestimmt. Eine der vielen Hauptfiguren in "City of God" - der Film benennt sich nach einem gleichnamigen Stadtteil in Rio, Cidade de Deus - ist Zé Pequeño. Im zarten Kindesalter begeht "Löckchen" seinen ersten Mord. Als "Locke" ist er Boss mehrerer Banden und unumschränkter Herrscher des Viertels. Auch seinem besonnenen Assistenten Bene wird ein Kapitel gewidmet. Er profitiert von Lockes Mordlust, legt aber mehr Wert auf teure Klamotten und schöne Frauen. Er organisiert das Stillhalteabkommen mit dem Konkurrenten "Karotte", einem der wenigen Weißen in der Cidade de Deus. Aber auf einzelne Figuren sollte man nicht zu viel Aufmerksamkeit verschwenden. Es gibt hunderte davon, und ihre Lebenserwartung reicht kaum bis zur nächsten Szene.
Morde im Coolness-Raster
Meirelles hat seine eigene Formel gefunden, um diese eigentlich zutiefst deprimierende Geschichte zum adrenalintreibenden Herzschlagkino zu machen. Die Armut kann jeder sehen. Er hat die unzähligen Rollen mit Laiendarstellern gemeinsam entwickelt; sie stammen selbst aus den Favelas und verschaffen dem Film eine nicht zu unterschätzende Glaubwürdigkeit. Doch Meirelles sieht ihre Welt mit den Augen seiner kleinen Gangster, die nichts anderes kennen und eine Wahl getroffen haben: für einen glamourösen Lifestyle, der innerhalb enger Grenzen ein gutes Leben ermöglicht. "Ein Zehnjähriger hat zwei Möglichkeiten", erklärt er. "Er kann wie sein Vater einer ehrlichen Arbeit nachgehen und nichts haben. Oder er kann wie die anderen eine Kanone tragen, Respekt bekommen und Karriere machen."
So pendelt "City of God" zwischen den Extremen. Über weite Strecken adaptiert der Film den aufgekratzten Blaxploitation-Stil der Siebziger, mit hitzigen Partys, Soulmusik und Goldrandbrillen. Das transportiert nicht nur brasilianische Lebensfreude, es sagt auch alles über das Selbstbild der Jugendlichen im Gangland. Auf der anderen Seite steht die Gewalt. Morde im Sekundentakt, die schon fast zu gut ins Coolness-Raster passen. Aber auch eine üble Szene, die den Zuschauer wie gelähmt zurücklässt: In einer Strafaktion zwingt Locke den Kleinsten einer Kinderbande, einen seiner Kameraden zu erschießen. Er muss sich das Opfer selbst aussuchen.
Gegen Vorwürfe hat sich Meirelles abgesichert. "Ich wollte grafische Gewalt vermeiden", sagt er, und tatsächlich bleibt einem der Anblick des getroffenen Jungen erspart. Auch eine Vergewaltigung findet jenseits der Leinwand statt. Doch was sich im Kopf abspielt, hat bekanntlich oft stärkere Wirkung als Blutspritzer auf der Kameralinse. Wer gar nicht mehr weiß, was von dieser Mischung aus exzessiver Gewalt und moralischer Unschärfe zu halten ist, sollte sich das Beispiel Lockes doch etwas genauer betrachten: ein im Grunde erbärmlicher Charakter, den jeder fürchtet, aber niemand liebt. Da hält man doch lieber zu Buscapé, Meirelles' allwissendem Erzähler, der nur mit einem Fotoapparat bewaffnet für die komische Distanz sorgt.
Das ist Brasilien
Seit Erscheinen wird "City of God" mit den großen Gangsterepen eines Scorsese oder Coppola auf eine Stufe gestellt. Die Autorenfilmer des "New Hollywood" haben in den Siebzigern dem erlahmten US-Kino wieder auf die Beine geholfen; Meirelles' Verfilmung eines brasilianischen Bestsellers bedeutet für das Kino der Entwicklungsländer einen ähnlichen Modernitätsschub. Am meisten überrascht wohl die handwerkliche Perfektion, mit der verschiedenste Handlungsfäden zu einem visionären Ganzen verwoben werden. Kein Wunder, dass US-Produzenten jetzt Meirelles die Tür einrennen. Doch es gibt auch einen Unterschied. Für Filme wie "Good Fellas" oder
"Gangs of New York" bildet das Verbrechen den historischen Code eines gesellschaftlichen Systems: "The hands that built America." "City of God" dagegen sagt es laut und direkt: Der tägliche Bandenkrieg in den Favelas, das ist Brasilien, die Lebenswirklichkeit von Millionen von Menschen.
Für Brasilien hat "City of God" denn auch immense politische Bedeutung. In die Kinos kam der Film während der letzten Präsidentschaftswahlen, in denen das Thema Drogenkriminalität an vorderster Stelle rangierte. Meirelles freut sich über den Sieg des Sozialisten Lula. Der hat versprochen, die außer Kontrolle geratene Situation als soziales Problem zu bekämpfen; im Gegensatz zu rechten Hardlinern, die in der durch und durch korrupten Polizei die letzte Rettung sehen. Mit einer Lösung, das zeigt der Film ohne jede Übertreibung, dürften sich alle schwer tun. Allein im Jahr der Dreharbeiten wurden in der Cidade de Deus 68 junge Menschen erschossen.
City of God (Cidade de Deus), Brasilien 2002, Regie: Fernando Meirelles, Buch: Bráulio Mantovani, nach dem Roman von Paulo Lins, mit Luis Otávio, Alexandre Rodrigues, Douglas Silva, Leandro Firmino da Hora, Phelipe Haagensen, Matheus Nachtergaele, Seu Jorge, Jonathan Haagensen, Roberta Rodriguez Silvia, ab 16, Kinostart: 8. Mai 2003 bei Constantin Film
Foto: Verleih
Philipp Bühler lebt und schreibt als freier Autor in Berlin.
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