Chinatown

Mysteriöse Machenschaften ...

Kinostart: 4.7.2006 | Ula Brunner | Kommentar schreiben | Artikel drucken

“Schon wieder Wasser“, kommentiert Jack Nicholson alias Privatdetektiv J. J. Gittes das feuchte Umfeld, in dem er recherchiert. “Chinatown“, ein brillanter düsterer Thriller, spielt 1937 und handelt von den kriminellen Machenschaften bei der Wasserversorgung im frühen Los Angeles. Als “Chinatown“ 1974 in den amerikanischen Kinos startete, näherte sich die Watergate-Affäre ihrem unrühmlichen Höhepunkt. Im Film wie in Wirklichkeit ging es um einen Sumpf von Korruption und Machtmissbrauch; mit einem Happy End wartete allerdings nur das wahre Leben auf: Richard Nixon trat zurück. In “Chinatown“, diesem späten Film Noir hingegen, siegt das Böse.

Pitbull und Sirene

Das Drehbuch, für das Robert Towne den Oscar erhalten sollte, basiert in Teilen auf authentischen Ereignissen rund um den Bau des Los-Angeles-Aquädukts zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Towne verlegte die Geschichte in die 1930er-Jahre, die klassische Epoche der “hardboiled school of fiction“, der desillusionierten Detektivromane eines Raymond Chandler oder Dashiell Hammett. Das Ergebnis: eine raffinierte Story voller Geheimnisse, Romantik, Suspense und Gewalt, gewürzt mit schlagfertigen Dialogen. Alles, was ein guter Film Noir braucht, bietet “Chinatown“, nicht zuletzt natürlich eine geheimnisvolle Femme Fatale und einen selbstbewussten, eitlen privaten Spürhund. Als unterkühlte Evelyn Mulwray und Vitalitätsprotz J. J. Gittes geben Faye Dunaway und Jack Nicholson ein schillerndes Pärchen ab – Wasser und Feuer. Dieser Gittes, den Nicholson mit einer an Manieriertheit grenzenden Präsenz spielt, ist Detektiv mit Leib und Seele. Ein Pitbull-Naturell – hat er einmal Blut gerochen, lässt sich Gittes nicht mehr abschütteln, selbst wenn ein Halunke (Regisseur Polanski in einem Miniauftritt) ihm die Nase aufschlitzt. Dieser fanatische Schnüffler bringt schließlich die Wahrheit ans Licht, aber die Wahrheit ist in der fatalen Albtraumwelt von “Chinatown“ nichts wert.

Korruptions-Puzzle

Die Geschichte ist tricky und voller unerwarteter Wendungen: Ein langweiliger Routinefall scheint sich anzubahnen, als eine elegante Blondine (Diane Ladd) Gittes beauftragt, ihren untreuen Gatten zu beschatten. Das Observationsobjekt, Hollis Mulwray (Darrell Zwerling), ist Chefingenieur der Wasserwerke von L.A. – und bald schon tot. Zudem taucht die wahre Mrs. Evelyn Mulwray (Faye Dunaway) in der Detektei auf und Gittes muss erkennen, dass er einer Betrügerin auf den Leim gegangen war. Nachdem Mulwrays Leiche mit Salzwasser in den Lungen aus einem Trinkwasserkanal gefischt wurde, beschließen Jake und Evelyn, gemeinsam den infamen Mord aufzudecken. Doch Jake stößt auf eine Mauer aus Schweigen, Lügen und Heimlichkeiten. Warum wird heimlich Wasser abgeleitet, obwohl die Region unter einer Dürreperiode leidet? Welche Rolle spielt Evelyn? Und wer ist die mysteriöse junge Frau, die Gittes anfänglich für Mulwrays Geliebte hielt?

Skrupellose Energiegeschäfte

Wie bei einem Puzzle fügen sich die Spuren zusammen, um den perfiden Korruptionsskandal – und eine menschliche Tragödie zu enthüllen. Immer hat Evelyns schwerreicher Vater Noah Cross (John Huston) die Hand im Spiel. Die Regielegende John Huston, der 1941 “The Maltese Falcon“ (nach dem Roman von Dashiell Hammett) inszenierte, gibt eindrucksvoll diesen alten Machtjunkie, der skrupellos mit Wasser Geschäfte macht. Die Spur endet in jenem Stadtteil von L.A., nach dem der Film benannt ist. Dort muss Jake erkennen, dass er gegen die wichtigste Spielregel von Chinatown verstoßen hat: Misch dich nicht ein! Jeder kämpft gegen jeden – nur wer das weiß, kann überleben.

Gepflegter Pessimismus

Nach “Rosemary’s Baby“ (1967) war “Chinatown“ der zweite Hollywoodfilm Polanskis. Für den Dreh kehrte der polnische Regisseur, der seit der bestialischen Ermordung seiner Frau Sharon Tate 1969 durch den Manson-Clan in Europa lebte, nach Amerika zurück. Polanski reizte die Zusammenarbeit mit Nicholson, dem Robert Towne die Figur des Gittes auf den Leib geschrieben hatte (und der durch diesen Film zum Weltstar wurde). In der ursprünglichen Fassung sollte die Geschichte ein versöhnliches Ende nehmen. Polanski bestand jedoch auf einem unamerikanisch pessimistischen Finale. Ein genialer Schachzug, würde die suggestive Aura der Bedrohung und Ausweglosigkeit doch im trivialen Happy End versickern. Mit rabenschwarzem Fatalismus, glasklaren Bildkompositionen und melancholischem Soundtrack ist “Chinatown“ ein mehr als würdiger Vertreter der schwarzen Serie.

Roman Polanski: Chinatown, USA, 1974
DVD, Paramount Home Entertainement



Ula Brunner ist freiberufliche Autorin und Film-Noir-Fan.


Foto: © Paramount Home Entertainement


www.imdb.com
Mehr zu Polanski, zum Film und seinen Schauspielern und Schauspielerinnen

www.oekomedia-institut.de
Die Datenbank enthält über 1.000 Filme zu umweltrelevanten Themenbereichen.

www.bmu.de
Das Bundesministerium für Naturschutz, Umwelt und Reaktorsicherheit




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