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Eine Kissenschlacht zwischen Mutter und Tochter: Im Pyjama toben die beiden durch die enge Wohnung, lachen und kreischen beim Rumtoben. "Aufhören!", die 12-jährige Sara sitzt rittlings auf Esma. Das Mädchen hat Kraft wie ein Junge und drückt der erschöpften Mutter die Arme fest auf den Boden. Plötzlich ist der Spaß für Esma vorbei, scheint für sie die Realität wie ausgeknipst: Die Angst ist wieder da, abzugleiten in den Abgrund der Erinnerungen an die erlittenen Vergewaltigungen. Nur eine poröse Schale gibt dem Alltag Halt, den sich Esma in den Jahren nach dem Ende des Bosnienkrieges aufgebaut hat. Es ist ein Alltag mit vielen kleinen Sorgen, in Grbavica, einem Stadtteil der bosnischen Metropole Sarajevo, in dem scheinbar alles wieder funktioniert.
Das Leben muss weitergehen. Die Schüsse, die Wohnungsplünderungen, die Todesangst hat sie verdrängt; die Zeit, als die serbische Armee den Stadtteil belagerte, als die Tschetniks folgten, die Truppen der Kriegsverbrecher Arkan and Seselj und aus Grbavica – übersetzt "Die Frau mit dem Buckel" – ein großes Kriegsgefangenenlager machten. In Grbavica fielen die ersten Schüsse, hier wurden Menschen gefoltert, vertrieben, Frauen verschleppt und systematisch vergewaltigt. Die dreieinhalbjährige Belagerung der Stadt von 1992 bis 1995 durch bosnische Serben kostete mehr als 10.000 Menschen das Leben.
Der Krieg ist immer noch da
Die bosnische Regisseurin Jasmila Žbanić ist in Sarajevo geboren und aufgewachsen. Sie war ein Teenager, als der Krieg ausbrach – und sie freute sich anfangs, dass die Schule ausfiel. Damals lebte ihre Familie etwa hundert Meter von der Front entfernt. Dass Frauen in dem provisorischen Lager vergewaltigt und gefoltert wurden, sprach sich im Stadtteil bald herum. Viele dieser Frauen wurden von ihren Peinigern geschwängert und gezwungen, die Kinder auszutragen. Jasmila Žbanić, die immer noch in der Nähe von Grbavica wohnt, kritisiert die Verdrängung der Kriegszeit: "An der Oberfläche wirkt alles ganz normal, da jeder seinen Schmerz versteckt. Sarajevo ist wie jede andere europäische Kleinstadt, nur dass der Krieg noch immer dort ist."
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Nur Pelda, Laufbursche des Clubbesitzers im Leibwächterlook mit schwarzer Lederjacke und kurz geschorenen Haaren, ist anders. Ein Blick zwischen Pelda und Esma genügt: Auch du hast der Öffnung von Massengräbern beigewohnt. Auch du hast versucht, zwischen Knochen und Stofffetzen deinen Vater, deinen Freund, deinen Sohn zu identifizieren. Pelda versucht Esma vor der Willkür des Chefs zu schützen, doch vergeblich. Überleben im neuen Sarajevo ist schwer, und noch schwerer haben es die Frauen. Pelda geht nach Österreich und hofft auf einen Neuanfang. Esma muss bleiben am Ort ihrer Demütigungen. Ihr Kind wächst hier auf, es soll es gut haben. Auch wenn Lebensgier, Wut und Verzweiflung und gleichzeitig so viel Liebe Esma manchmal zu zerreißen drohen. Der mütterliche Ausdruck auf dem Gesicht der Schauspielerin Mirjana Karanovic, bekannt aus den Filmen Emir Kusturicas, sitzt wie eingemeißelt. "Esmas Geheimnis" erzählt von einer Normalität, die jederzeit kippen kann.
Vordergründig geht es im Film um ein fehlendes Dokument und das Geld für eine Klassenreise – eine kleine Geschichte, die die große Geschichte der Gewalt und der Vergangenheit, eines Lebens in der Lüge, auffängt. Žbanić macht in ruhigen Bildern eine Bestandsaufnahme von dem, was geblieben ist beim Übergang vom Krieg zum Frieden, vom Sozialismus zum Streben nach westlichem Lebensstandard.
Beiläufig tastet die Kamera die Einschusslöcher an den Wänden der Einkaufsmeilen Sarajevos ab. Arbeit gibt es nicht, bedrückender Stillstand beherrscht das Straßenbild. Eine Tristesse, die auch im Frühlingslicht schmutzig verregnet wirkt: als hätte niemand die Kraft zum Aufräumen. Der Krieg wird nicht thematisiert, sondern entzieht sich durch historische Schicksalhaftigkeit. In der Konzentration auf das Schicksal weniger Personen, in einer unspektakulären Inszenierung ohne Kamera- und Schnittmanipulationen, gelingt Jasmila Žbanić die universelle Anklage gegen den Krieg und seine Täter. Dabei verzichtet die Filememacherin auf sentimentalen Opferkitsch, Rückblenden oder Männerverachtung. Behutsam entwickelt sie ihre Erzählstränge: die Coming-of-Age-Geschichte Saras, die zarte Liebesgeschichte der Mutter. Die Regisseurin bewahrt ihre Figuren vor dem Voyeurismus der Zuschauer/innen, doch mittels dieser Distanz macht sie ihrem Publikum ein Geschenk: Wir dürfen zusehen, wir dürfen teilhaben, wir dürfen mitfühlen. Nach dem Kino würde man sich nicht wundern, wenn Esma und Sara um die Ecke biegen, so sehr sind sie zu Vertrauten geworden. "Viel Glück!", würden wir ihnen mit auf den Weg geben.
Ist Vergebung möglich?
"Esmas Geheimnis" zeigt mit dem Leiden einer bosnischen Frau allerdings nur einen Teil der Geschichte des multiethischen Bürgerkrieges im ehemaligen Jugoslawien. Hier sind Serben die Täter, Opfer insbesondere der weibliche Teil der bosnischen Bevölkerung. Vielleicht hat aber auch einfach einmal eine junge Regisseurin einen Anfang gemacht, um die Augen zu öffnen, um die Bilder, die nicht aus dem Kopf wollen, sprechen zu lassen.
Die Vergebung, der Frieden, er wird erst mit der Wahrheit kommen. Sonst klettern die Gespenster des Krieges wieder aus dem Keller der Geschichte. Jasmila Žbanić, die mit "Grbavica" bei der diesjährigen Berlinale den Hauptpreis gewonnen hat, wurde nach ihrem Erfolg angefeindet. In der Belgrader Zeitung Kurir wurde die Entgegennahme des Goldenen Bären auf dem "Propagandafestival" in Berlin als "moralisches Lynchen von Serben", die serbische Hauptdarstellerin Mirjana Karanovic als "Hochverräterin" bezeichnet. Dem serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic, der im März 2006 während seines Prozesses vor dem Kriegsverbrechertribunal starb, erwiesen seine Landsleute mit einer Aufbahrung im Revolutionsmuseum die letzte Ehre. Die Serbenführer Radovan Karadžić, Ratko Mladić und andere Kriegsverbrecher leben in Freiheit. Jasmila Žbanić: "Ich glaube, dass zuerst die Kriegsverbrecher Reue zeigen müssen, damit die Opfer vergeben können. Eines der Probleme von Bosnien-Herzegowina ist, dass nicht gerade viele Leute Reue für das empfinden, was passiert ist. Über 100.000 Menschen wurden getötet, eine Million Menschen wurde vertrieben – und es gab bisher kaum Reue." Aber jetzt gibt es zumindest einen Film, über den geredet werden kann.
(Grbavica) Österreich, Bosnien-Herzegowina, Deutschland, Kroatien 2005, Regie: Jasmila Žbanić, Buch: Jasmila Zbanic, Barbara Albert, mit Mirjana Karanovic, Luna Mijovic, Leon Lucev, Kenan Catic, Jasna Ornela Berry, Bogdan Diklic, Dejan Acimovic, Kinostart: 6. Juli 2006 bei Ventura
Foto: Verleih
Silke Kettelhake ist fluter-Redakteurin.
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