Ghetto

Ein grotesker Alptraum

Kinostart: 8.6.2006 | Philipp Bühler | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Was soll das sein? Ein makabrer Totentanz? "Schindlers Liste" auf Speed? Ein künstlerischer Weckruf gegen das Vergessen? Es wirkt von Anfang an befremdlich, wie der litauische Regisseur Audrius Juzenas hier den nationalsozialistischen Massenmord an den Juden von Vilna in den Jahren 1942/43 als grausames Theater inszeniert. Aber er hat die Geschichte auf seiner Seite. Tatsächlich wurde im Ghetto Theater gespielt. Die Nazis, aber auch die unter ständiger Todesgefahr schwebenden Juden, sollten auf andere Gedanken kommen. Juzenas dient das Kammerspiel als Reflexion des Ghettoalltags, der sich für ihn nur als Farce begreifen lässt. Die schrecklichste Rolle spielen darin die Judenräte, eine von den Nazis abkommandierte Gruppe von Männern, die bei der Ermordung und Deportation der eigenen Leute mitzuhelfen hatten.
Heino Ferch spielt Gens, den Chef der jüdischen Polizei, der durch seine Kollaboration so viele Juden wie möglich retten will. Sein Gegenspieler – und perverser Partner – ist der kunstsinnige Nazi Kittel (Sebastian Hülk). Er könnte das ganze Ghetto mit einem Schlag auslöschen. Aber an Juden, die sich an ihre letzte Hoffnung klammern und sich für ihn zum Narren machen, hat er mehr Spaß. So wird die Geschichte auch dargeboten: als grotesker Albtraum mit Musical-Elementen, ohne Angst vor der Geschmacklosigkeit. Einwände? So war nun mal die Situation.

Dem Film liegt ein Theaterstück zugrunde, das 1984 in Israel uraufgeführt wurde. Und als solches kann man sich "Ghetto" gut vorstellen. Die Übertragung zum Film ist allerdings misslungen. Die Idee, den Holocaust als S/M-Schocker nachzustellen, ist zwar nicht ohne weiteres abwegig. Aber die teils sehr schwachen Schauspielerleistungen und platte Dialoge ersticken jede Diskussion im Keim. In seiner brutalen Mixtur von Theater und Realität ist "Ghetto" ein zwar erschütternder, aber kein guter Film.
Philipp Bühler

Ghetto, Deutschland, Litauen 2005, Regie: Audrius Juzenas, Buch: Joshua Sobol, mit Heino Ferch, Sebastian Hülk, Erika Marozsán, Vytautas Sapranauskas, Andrius Zebrauskas, Maragrita Ziemelyte, Alvydas Slepikas, Jörk Lamprecht, Kinostart: 8. Juni 2006 bei Stardust

Foto: Verleih


www.stardust-filmverleih.de
Mehr über den Film auf der Website des deutschen Verleihs
www.filmportal.de
Infos zum Film auf filmportal.de
www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database
www.filmz.de
Mehr Artikel zum Film
www.bpb.de
Filmheft zu "Ghetto", herausgegeben von der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb




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