Wahrheit oder Pflicht

Neben der Spur

Kinostart: 1.6.2006 | Silke Kettelhake | Kommentar schreiben | Artikel drucken

"Wir hatten ein Mädchen bei uns in der Schule, die bereits in der elften Klasse sitzen blieb. Sie ist einfach auf und davon mit einer Schausteller-Truppe. Dann verlor sich ihre Spur", erinnert sich Jan Martin Scharf, der mit Arne Nolting zusammen "Wahrheit oder Pflicht" als Abschlussfilm der KHM Köln drehte und schrieb. "An die konnte sich in meiner Stufe schon bald niemand mehr erinnern. Bis dann ihre Eltern am Tag der Abitur-Entlassung in der Schule auftauchten und ihre Tochter suchten. Die hatten tatsächlich gedacht, sie habe das Abitur, und wollten mit ihr feiern – stattdessen war ihre Tochter schon lange vorher von der Schule geflogen. Das war ein tragischer und zugleich auch absurder Moment."

Mittendrin im Teufelskreis

Im Film heißt das Mädchen nun Annika. Annika schafft das Abitur nicht und verpasst somit die Eintrittskarte in die Gesellschaft. Nach der elften Klasse ist für sie Schluss. "Da haben Sie doch eine passable mittlere Reife", meint der joviale Lehrkörper Herr Behnke. Für Annika ist klar, so kann sie ihren leistungsbewussten Eltern nicht unter die Augen treten. Das Einzelkind ist Projektionsfläche für all die unerfüllten Wünsche ihrer engagierten Mutter wie auch des bemühten Vaters. Also lügt Annika. Wie ein Arbeitsloser, der vor seiner Frau den Jobverlust vertuscht und mit der Aktentasche frühmorgens das Haus verlässt, schnallt sie ihren Rucksack um und setzt sich in den Schulbus. Nach den großen Ferien, die sie irgendwie hinter sich gebracht hat, fangen die Schwierigkeiten an: Die Monatskarte ist ungültig, der Schülerausweis abgelaufen. Sie fühlt sich wie in einem Kreisel, der so lange rotiert, bis er sich ins Unendliche aufzulösen scheint. Im Innersten der wüsten Drehungen herrschen Taubheit und Stille. "Doch wenn du langsamer wirst", weiß Annika, "gerät alles ins Trudeln."
Annika, überzeugend von Katharina Schüttler gespielt, strolcht durch die Gegend, irgendwo in Ostdeutschland in einer Kleinstadt. Schließlich verzieht sie sich in einen alten Bus, hört CDs, hängt ab. Wie lange noch? Wann wird sie den Mut finden, um mit ihren Eltern zu sprechen? Jeder Tag, der vergeht, bringt sie weiter weg von der Wahrheit und von der Wirklichkeit. Die Mutter, eine große, schicke Blondine, die sich in der Lokalpolitik für die Umgehungsstraße engagiert und noch was anderes im Leben genießen möchte als ihren ewig missgelaunten Göttergatten, will vor allem eins: dass ihre Tochter funktioniert. Der softe Vater gurkt als Pilot wie ein Lieferant immer auf derselben Strecke. Der Traum vom Fliegen ist banal und schal geworden. Kein Wunder, dass ausgerechnet Annika in dieser Vorzeigefamilie im neu bestallten Einfamilienhaus keine Schande machen darf.

Eine Lüge ist eine Lüge

Der Mathe-Nachhilfelehrer, den ihr die Eltern verordnen, ist ein schmucker Karstadt-Model-Typ. Da kann Kai erst einmal einpacken, der in einer heruntergekommenen Platte wohnt und mit dem Fernglas Annika in ihrem Bus beobachtet. Ganz langsam nähern die beiden sich an. Kai, der Gute, der Geduldige, hilft ihr, immer abstrusere Lügengebilde zu basteln, lässt sich sogar für sie verhaften. Es wird Winter und Kai steckt im Park mit anderen Arbeitslosen die herumliegenden Äste in den Kärcher. Annika weiß nicht mehr wohin, mit sich, ihrer Liebe zu Kai und vor allen Dingen mit ihren Lügen.

Eine Lüge ist eine Lüge ist eine Lüge. Wenn die Flasche beim Spiel "Wahrheit oder Pflicht" auf jemand ganz besonders Ekligen zeigt, den man, beschlossene Sache der anderen Pubertätsgeplagten, zu küssen hat, dann darf man, wenn es wirklich zu hart und heftig ist, verweigern. Den Anforderungen des Lebens aber kann man sich nicht entziehen. Und auch die Dreharbeiten forderten ihren Tribut, wie die Episode zeigt, die Jan Martin Scharf erzählt: " 'Wahrheit oder Pflicht' handelt ja von Feigheit und Mut. Es gab zum Beispiel diesen wunderschönen See, in den wir, wenn es irgendwie die Zeit erlaubte, reingehüpft sind. Der See hatte die Besonderheit, dass man eigentlich nur an einer Stelle, von einer zehn Meter hohen Klippe, so richtig gut reinspringen konnte. Eines Tages stellten wir fest, dass unsere Hauptdarstellerin Katharina Schüttler im realen Leben 'Schwierigkeiten' hatte, von dieser hohen Stelle ins Wasser zu springen. Dann haben Arne und ich Blicke getauscht und wir dachten: Das hat ja metaphorische Kraft. Und so haben wir diese Szene in den Film mit aufgenommen. Letztendlich ist das sogar ein zentrales Sinnbild im Film geworden, obwohl das ursprünglich gar nicht im Drehbuch stand."

Schule schwänzen: In der Sprache der Pädagogen heißt das Schulverweigerung, -müdigkeit, -abwesenheit, -verdrossenheit. Kennt irgendwie jeder, das Gefühl, einfach mal sagen, ich geh da jetzt nicht mehr hin. Wenigstens heute. Nur, dass aus dem heute dann manchmal mehr als ein Jahr wird. Mädchen, so sagt die Forschung, schwänzen angeblich häufiger, aber kürzer, Jungs dafür länger. Die Gründe fürs Langzeitwegbleiben sind allerdings kaum erforscht. 50 Prozent haben noch nie geschwänzt, 20 Prozent tun es gelegentlich. Und manche bleiben gleich ganz weg. Auch wenn man weg ist, muss man irgendwo bleiben.

Wahrheit oder Pflicht, Deutschland 2005, Buch und Regie: Jan Martin Scharf, Arne Nolting, mit Katharina Schüttler, Thomas Feist, Jochen Nickel, Therese Hämer, Thorben Liebrecht, Thorsten Merten, Kinostart: 1. Juni 2006 bei Zorro

Fotos: © Zorro Film

Silke Kettelhake ist Redakteurin bei fluter.de.


www.derpflichtfilm.de
Website zum Film (deutsch)

www.filmportal.de
Infos zum Film auf filmportal.de

www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database

www.filmz.de
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