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Das Unfassbare erfassen

Filme über den Holocaust

2.4.2003 | Martin Maaß | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Der Holocaust, der deutsche Massenmord an den europäischen Juden, ist in der Geschichte einmalig. Er ist die größte Schande, die Menschen bis jetzt auf sich geladen haben. Er ist ein Trauma für die Opfer und ihre Nationen, und er ist ein Trauma für die Nation der Täter. So viel ist sicher.

Darüber hinaus wissen wir mittlerweile viel über den Holocaust. Aber wir verstehen immer noch wenig. Denn das Grauen, die Barbarei, die Unmenschlichkeit sind so immens, dass die, die sie nicht erlebt haben, sie nicht nachvollziehen können. Das wussten schon die Nazis selber, die deshalb Bilder aus den Fabriken des Holocaust - den Konzentrations- und Vernichtungslagern - verboten. Und das wussten auch die Sieger des Zweiten Weltkriegs, die deshalb solche Bilder bei der Befreiung der Konzentrationslager anfertigen ließen.

Beide Seiten waren in ihrem Sinn erfolgreich: die Nazis, weil keine Filmaufnahmen aus einem aktiven KZ existieren; und die Alliierten, weil ihre Bilder bis heute belegen, welche Verbrechen dort im deutschen Namen verübt wurden. Allerdings funktionieren diese Bilder nur anhand von Indizien: die Berge von Koffern, Kleidung und Haaren; die Berge von selbst noch im Tod verächtlich behandelten, übereinander geworfenen Menschen; und die vielen unvorstellbar abgemagerten, geschundenen Überlebenden. Nicht mehr zu zeigen waren die Täter und ihre Taten. Die einzigen handfesten Beweise dafür sind die Aussagen derer, die dabei waren.

Sprache der Gefühle

Wie macht man nachvollziehbar, was die Vorstellungskraft übersteigt? Wie lässt man den Opfern Gerechtigkeit widerfahren, die dazu mahnen, dass so etwas nie wieder passieren darf? Wie zeigt man die Verantwortung der Täter auf? Seit Kriegsende haben sich viele bemüht, diese Fragen auf ihre Weise zu beantworten: alliierte Entnazifizierer, Lehrer, Politiker, Historiker, Künstler; darunter und vorneweg auch Filmemacher. Denn Film spricht unter den Medien die Sinne und die Emotionen am unmittelbarsten an. Die Fakten kennen wir. Verstehen aber können wir nur in der Sprache der Gefühle.

In dieser Sprache versuchen Filme schon seit Kriegsende zu erzählen, zunächst vor allem Spielfilme. Frühe Beispiele sind "Die Mörder sind unter uns" (Wolfgang Staudte, 1946), "Morituri" (1947/48) nach einer Idee des Holocaust-Überlebenden Artur Brauner oder "Lang ist der Weg" (1948) nach dem Drehbuch von Israel Becker, ebenfalls ein Überlebender. Doch Spielfilme haben den Nachteil, nicht "objektiv" zu sein, sondern fiktiv, erfunden - egal, wie nah sie an eine reale Situation angelehnt sind. Deshalb kann man einen Spielfilm, der sich mit einem unangenehmen Thema befasst, relativ leicht als "Unwahrheit" abtun.

Gegen das Verdrängen

Und genau das passierte im Verdrängungsklima der 50er- und 60er-Jahre in Deutschland. Der Holocaust war für viele Deutsche ein Thema für Übertreiber (Spielfilme, Opfer) und Vergangenheitskrämer oder, im schlimmsten Fall, Nestbeschmutzer (Historiker, Lehrer etc.). Erinnerung und Aufklärung wurden als bloße Belehrung und Beschuldigung verstanden. Erst nach 1968 begann sich diese Situation zu ändern, weil die Studentenbewegung alte Tabus aufbrach.

1975 bot sich, in diesem Sinne erstmals, ein konkreter Anlass für eine breit angelegte filmische Dokumentation über den Holocaust, die über die Bilder von der Befreiung hinausging: der Majdanek-Prozess in Düsseldorf. Zum letzten Mal wurde hier vor einem deutschen Gericht das Geschehen in einem KZ aufgerollt. Der dreiteilige Film von Eberhard Fechner, der daraus in achteinhalb Jahren (!) entstand, kombinierte Gerichtsszenen und Aussagen von Zeugen und Angeklagten mit Originalfotos aus Majdanek. Fechner versuchte so, die unglaublichen Schilderungen bildlich zu untermauern, in einem fast juristischen Sinn zu beweisen. Dieser wahrhaft "dokumentarische" Ansatz überzeugte zwar faktisch, ließ aber emotional, wegen der vergleichsweisen Realitätsferne der Standfotos, lediglich ein Urteil über die Menschen vor Gericht zu, nicht aber über die behandelten Ereignisse. Durch die lange Prozessdauer - bis 1981 - und den anschließenden jahrelangen Schnitt bekam die Öffentlichkeit "Der Prozess" erst 1984 zu sehen.

Holocaust

Zu dieser Zeit war schon eine Art aufklärerischer Güterzug über Deutschland hinweggerollt: der amerikanische fiktionale Fernseh-Vierteiler "Holocaust". Der beschrieb die ineinander verwobenen Schicksale einer jüdischen und einer Nazi-Familie und beider Weg zu Adolf Hitlers so genannter "Endlösung". Obwohl "Holocaust" in den dritten Programmen fast versteckt wurde - wenn auch in allen Dritten zur gleichen Sendezeit, bis dahin etwas Einmaliges -, erreichte die Serie ein Millionenpublikum und eine Resonanz, die alle Beteiligten vollkommen überraschte. "Holocaust" wurde so etwas wie ein filmischer Weckruf für die Deutschen, sich mit ihrer Rolle auseinander zu setzen, und provozierte eine heftige, lange überfällige Diskussion in der breiten Öffentlichkeit.

"Holocaust" wurde zwar für einige historische Ungenauigkeiten und seine manchmal kitschige Handlung kritisiert. Aber die Serie schaffte es, den Menschen wenigstens eine Ahnung davon zu geben, was ihr Titel wirklich bedeutete. Gleichzeitig entstanden in Deutschland Spielfilme wie "David" (Peter Lilienthal, 1978) und "Regentropfen" (Michael Hoffmann, Harry Raymon, 1980), die sich ebenfalls auf einer sehr persönlichen Ebene mit der Judenverfolgung in Nazi-Deutschland auseinander setzten.

Shoah

1986 trat die Dokumentierung des Holocaust in eine neue Dimension. In diesem Jahr erschien "Shoah" von Claude Lanzmann, ein neuneinhalbstündiges Mammutwerk. Lanzmann führte Interviews mit Beteiligten: Opfern, Mitläufern, Helfern und Tätern. Schon diese Interviews nahmen nicht für sich in Anspruch, "objektiv" zu sein. Lanzmann inszenierte sie, indem er seine Gesprächspartner dazu anregte oder provozierte, sich in eine ähnliche Stimmungslage wie damals zu begeben. Zum Beispiel befragte er einen ehemaligen Lagerfriseur beim Haareschneiden, obwohl der mittlerweile im Ruhestand war und erst ein Salon angemietet werden musste. Diese an sich schon unglaublich emotionalen Aussagen kontrastierte Lanzmann mit aktuellen Bildern von den Orten des Geschehens, die er teilweise aus einer subjektiven Position, der jeweiligen Schilderung entsprechend, aufnahm. Das Ergebnis war weniger ein Dokumentarfilm als "eine Verkörperung, eine Reinkarnation", so Lanzmann.

Der Erfolg war durchschlagend. Bis heute ist "Shoah" wahrscheinlich der Film, der den Holocaust in seiner Gänze am anschaulichsten darstellt, sowohl örtlich auf die verschiedenen Lager bezogen als auch zeitlich. Denn schon die Diskriminierung der Juden und die Einrichtung von Ghettos waren Schritte auf dem Weg zu ihrer Vernichtung, und diesen Zusammenhang macht Lanzmann klar. Alle Filme, die seitdem zum Holocaust erschienen sind, beziehen sich auf einen viel kleineren Rahmen und beleuchten eher Einzelschicksale. Spielfilme wie "Schindlers Liste" und "Das Leben ist schön" erreichen dabei sicher ein größeres Publikum als Dokumentationen wie "Verzeihung, ich lebe" (Deutschland, Polen) und "Martin" (Israel, beide 1999). Doch auch wenn sie nicht "objektiv" sein können, leisten diese einen wichtigen Beitrag, das Unfassliche fassbar zu machen. Und sie werden es tun, so lange noch Menschen leben, die immer noch spüren, wie es damals wirklich war.

Fotos "Sobibor" und "Holocaust": Freunde der deutschen Kinemathek

Martin Maaß, gelernter Biologe, Historiker, Publizist und Fußballer, lebt als Autor für Film und Fernsehen, als Kung-Fu-Azubi und freedom2speak-Aktivist in Berlin.



Neu im Kino: "Sobibor, 14 Octobre 1943, 16 Heures"

www.judentum.net/kultur/lanzmann.htm
Interview von Katia Nicodemus mit Claude Lanzmann über seine Methode

www.fritz-bauer-institut.de/cine/cine_d.htm
Forschungsprojekt und Datenbank "Cinematographie des Holocaust" des Fritz-Bauer-Instituts, Studien- und Dokumentationszentrum zur Geschichte und Wirkung des Holocaust

www.bpb.de
"Aus Politik und Zeitgeschichte" (B 28/2001), über das Spannungsverhältnis zwischen persönlicher Erinnerung, öffentlichem Gedenken sowie strittigen politisch-historischen Diskussionen

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