Aaltra

Anders reisen

Kinostart: 4.5.2006 | Michael Brake | Kommentar schreiben | Artikel drucken
In einem der großartigsten Momente des Films sitzen zwei Männer an einer Theke, vor ihnen vier Gläser Bier. Der ältere der beiden redet unentwegt auf den anderen ein, das geht locker ein bis zwei Minuten so. Dann taucht plötzlich von unten eine Hand auf und greift sich eines der Gläser. Das Glas verschwindet unter der Theke und wird kurze Zeit später, etwas leerer, wieder zurückgestellt. Dasselbe passiert auch mit dem anderen Bierglas, mehrmals noch, während die Männer auf den Barhockern unbeirrt ihre einseitige Unterhaltung fortsetzen.

Die Szene ist unbeschreiblich komisch, obwohl sie eigentlich ganz furchtbar traurig ist. Die Männer sind Krankenwagenfahrer und die Hände gehören zu ihren Passagieren: zwei sich inniglich hassende Nachbarn, die gemeinsam Opfer eines Unfalls mit einem Landwirtschaftsgerät wurden. Seitdem sitzen beide von der Hüfte abwärts gelähmt im Rollstuhl und sind gerade auf dem Weg vom Krankenhaus zurück in ihr nordfranzösisches Heimatdorf. Dort wird einer der beiden – ein grobschlächtig aussehender Bauer – feststellen, dass beim Bau des Unfallgeräts praktisch keine Sicherheitsnormen beachtet worden sind, und sich auf den Weg zur Herstellerfirma Aaltra nach Finnland machen. Der andere – ein magerer verschrobener Büroarbeiter, dem kurz vor dem Unfall noch der Job und die Frau abhanden gekommen sind – will die einzige Freude wahrnehmen, die ihn in seinem Leben noch geblieben ist, und live bei einem Motocross-WM-Rennen dabei sein.

Gegen alle Regeln

So treffen sich die Nachbarn bereits auf dem Dorfbahnhof wieder. Nachdem sie in der nächstgrößeren Stadt komplett ausgeraubt werden, beginnen sie ihre unfreiwillige Schicksalsgemeinschaft zu akzeptieren. Sie reisen fortan gemeinsam, erst zum Motocross, dann nach Finnland. Begleitet werden sie von dem lakonischen und tiefschwarzen Humor, was einen bemerkenswerten Effekt hat: Obwohl die beiden Reisenden immer wieder in Situationen kommen, in denen ihr Rollstuhldasein Thema ist, nimmt man sie praktisch nie als behinderte Menschen wahr – ein Zustand, der ja so etwas wie die Optimaldarstellung ist. Zu dieser Wahrnehmung trägt bei, dass die beiden als Nicht-Behinderte eingeführt worden sind. Viel bedeutender ist aber, dass im Film ihr Handicap als alltägliche Eigenschaft auftritt – die beiden Nachbarn sind im gleichen Maße Rollstuhlfahrer, wie der eine der beiden Bartträger ist und der andere Motorradfan.
Dass dieses Konzept auch wirklich funktioniert, liegt an der ausgezeichneten Arbeit von Benoît Delépine und Gustave de Kervern, gemeinsam Drehbuchschreiber, Regisseure und Hauptdarsteller von "Aaltra" und in Frankreich darüber hinaus bekannt durch die Mitarbeit an populären Comedy-Formaten auf dem Fernsehsender Canal Plus. Sie haben den Film Albert Libertad gewidmet, einem einbeinigen französischen Anarchisten, der vor rund hundert Jahren lebte und sich durch eine ausgeprägte Respektlosigkeit auszeichnete. Sein Geist umweht auch die Protagonisten und verleiht ihnen eine Kotzbrockigkeit, die endgültig jegliche Anflüge von Mitleid bei den Zuschauer/innen im Keim erstickt: Die Hilfsbereitschaft der anderen Menschen wird nach Kräften ausgenutzt – beim Betteln wird mit den hinterhältigsten Tricks gearbeitet, einem Kind werden die Süßigkeiten weggenommen und der freundlichen deutschen Familie der Kühlschrank leer gegessen. Dem mit einem Cameo-Auftritt bedachten Motocross-Weltmeister Stefan Everts klaut der Büroarbeiter sogar das Motorrad. Everts muss die halbe Nacht danach suchen und schimpft am Ende stinksauer: "Typen wie ihr versauen den scheiß Rollstuhlfahrern den Ruf!"

Stilistisch ist das Ganze sehr straight ein Autorenkino-Roadmovie, das teilweise stark an die Filme von Jim Jarmusch ("Broken Flowers", 2005) erinnert. Geduldig und mit langen Pausen werden viele kurze Episoden aus einer von skurrilen Personen bevölkerten Welt erzählt: Da gibt es den freundlich-verwirrten Kongo-Veteranen, der die ganze Zeit die gleiche Geschichte erzählt, oder den finnischen Schlagersänger, der eine herzerwärmend verkitschte Version von "Sunny" darbietet – natürlich voll ausgespielte zweieinhalb Minuten lang. All das in langen Einstellungen, die Kamera ist meist unbewegt, die Bilder sind in körnigem Schwarz-Weiß gehalten und erinnern an sauber durchkomponierte Fotografien. Eine weitere Referenzperson für derartige Filme tritt am Ende übrigens selber auf: Aki Kaurismäki ("Der Mann ohne Vergangenheit", 2002) spielt den Chef von Aaltra, in der Schlussszene, die noch viel fantastischer als die eingangs beschriebene Episode ist.

Aaltra, Frankreich, Belgien 2004, Buch und Regie: Benoît Delépine, Gustave Kevern, mit Benoît Delépine, Gustave Kevern, Aki Kaurismäki, Jan Bucquoy, Pierre Carl, Michel De Houx, Isabelle Delepine, Jason Flemyng, Schwarz-Weiß, OmU, Kinostart: 4. Mai 2006 bei Weltecho

Foto: Verleih

Michael Brake lebt in Berlin und schreibt ansonsten für die taz und für die Riesenmaschine.


www.aaltra-roadmovie.com
Website zum Film (französisch, englisch, niederländisch)

www.aaltra.de
Website zum Film (deutsch)

www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database

www.filmz.de
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