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Das Leben der Anderen

Der Spitzel und der Künstler

Kinostart: 23.3.2006 | Thomas Winkler | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Gerd Wiesler trägt grau und lebt im Plattenbau. Er isst seinen Kochbeutelreis mit Ketchup und beim Essen läuft "Die aktuelle Kamera“. Er ist Fachmann im Bespitzeln und an der Hochschule doziert er zu den Grundlagen des Folterns. Denn Gerd Wiesler ist Hauptmann der Staatssicherheit. Einer wie er, der kein eigenes Leben hat, dem bleibt nur eins: "Das Leben der Anderen". Erst in dem geht er ganz auf.

Der Film folgt unserem Antihelden ins Theater. Aus eigenem Antrieb würde er nicht gehen, aber sein Vorgesetzter hat ihn hineinbefohlen. In wenigen Einstellungen, mit geschickten Schnitten wird das Bild eines Menschen entworfen, der gar nicht mehr anders kann als zu beobachten, zu forschen, zu verdächtigen, der auch im Theater nur hinter die Kulissen blickt. Ulrich Mühe spielt diesen Spitzel aus Berufung mit wenigen Gesten, mit unbewegtem Mund, mit einem nahezu erstarrten Gesichtsausdruck, der sich gerade deshalb ins Gedächtnis brennt. Die systematische Unterdrückung bekommt ein Gesicht.

Der Schrecken wird nicht weggelacht

Es wurde wohl einfach endlich Zeit. Man hatte sich amüsiert über graue Apparatschiks, gespottet über Versorgungsengpässe, geprustet über lächerliche Automobile und gelächelt über eine spießige Volksarmee. Das deutsche Kino hatte die DDR mit Filmen wie "Sonnenallee" (1999), "Good Bye, Lenin!" (2003), "NVA" (2005) und "Der rote Kakadu" (2004) einfach weggelacht. Und das auch noch ungemein erfolgreich – sowohl kommerziell als auch psychologisch. Nun, der Fall der Mauer wird bald volljährig, scheint die DDR endgültig ihren Schrecken verloren zu haben und endlich weit genug entfernt zu sein, um sich doch noch ernsthaft mit ihr auseinander zu setzen. Nun scheint die Zeit endlich reif für einen Film wie "Das Leben der Anderen".

Dass diese filmische Auseinandersetzung eine gesellschaftliche Relevanz in diesem neuen Deutschland hat, zeigt nicht nur die Auszeichnung mit gleich vier bayerischen Filmpreisen, sondern noch mehr die Tatsache, dass sich eine Voraufführung des Films in der zweiten Märzwoche in Berlin auch wesentliche Teile der bundesdeutschen Politikerkaste nicht entgehen lassen wollten: Kulturstaatsminister Bernd Neumann hatte alle Mitglieder des Bundestags eingeladen, Bildungsministerin Annette Schavan und Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse waren nur die Prominentesten unter den Erschienenen. Thierse kennt den von der Stasi errichteten Repressionsapparat als ehemaliger Bürgerrechtler aus eigener Anschauung.

Der Staat hört mit

Unser Hauptmann Wiesler aber wird losgeschickt, einen Schriftsteller zu überwachen. Georg Dreymann schreibt Theaterstücke, die den Sozialismus feiern, ist überzeugter Kommunist und wird bei der Premierenfeier vom zuständigen Minister gelobt mit einem Lenin-Zitat: Dichter, das seien die Ingenieure der Seele, und "Dreymann ist einer der größten Ingenieure unseres Landes". Dreymann hat nur einen einzigen Makel: Er ist verheiratet mit Christa-Maria Sieland, der bedeutendsten Schauspielerin des Landes, und diese wird begehrt von eben jenem Minister. Der will seinen Gegenspieler aus dem Weg räumen und setzt die Überwachungsmaschinerie in Gang, dass sie irgendetwas finden möge, egal was.

Die Wohnung von Autor und Schauspielerin wird verwanzt, das Telefon angezapft und Wiesler bezieht Stellung auf dem Dachboden, um fortan völlig einzutauchen in "Das Leben der Anderen". Als das Paar seinen ehelichen Pflichten nachkommt, freut das den Spitzelassistenten von Wiesler: "Diese Künstler, da geht's ab. Deshalb überwache ich lieber Künstler als Priester und diese Friedensapostel." Im Protokoll, das Wiesler führt, liest sich der Vorfall dagegen folgendermaßen: "vmtl. Geschlechtsverkehr".

Analyse eines totalitären Systems

Doch "Das Leben der Anderen" bringt nicht nur, gedreht an Originalschauplätzen und detailgetreu von der Einrichtung der HO-Kaschemme bis zum Duktus der Stasi-Mitarbeiter/innen, die jüngste deutsche Geschichte auf die große Leinwand. Regisseur und Drehbuchautor Florian Henckel von Donnersmarck hat sich mit seinem Spielfilmdebüt auch vorgewagt an die Grundlagen aller totalitären Systeme. Er beschreibt nicht nur das Klima der Repression genau, ihm ist auch eine Parabel gelungen, die exakt beschreibt, wie eine Unterdrückungsapparatur die Menschen zwangsläufig verformt und schließlich zerstört – die Unterdrücker/innen dabei zum Teil kaum weniger als die Unterdrückten. Er versucht zu klären und zu erklären, wie sich eine Organisation wie die Stasi verselbstständigen kann, bis sie schließlich nur mehr ihre Abläufe perfektioniert, aber längst Ziel und Absicht aus den Augen verloren hat und die Überwachung zum Selbstzweck verkommt.

Dass von Donnersmarck manche Figur dabei arg prototypisch geraten ist, der Zynismus der Apparatschiks mitunter ein wenig zu simpel, die Lebensfreude des Opportunisten zu aufgesetzt, der Frust des verbotenen Künstlers zu demonstrativ wirkt, das machen die durchgehend grandiosen Darsteller/innen leicht wieder wett. Auch dass "Das Leben der Anderen" mit einem eher überflüssigen, ein Happy End suggerierenden Epilog in Nachwendezeiten endet, das wäre nicht nötig gewesen.

Denn die Geschichte, die er bis dahin erzählt, ist spannend, ist anrührend, ist wahrhaftig genug: Je näher Wiesler seinen Überwachungsobjekten rückt, desto mehr gibt er die professionelle Distanz auf. Er beginnt mitzudenken, mitzufühlen, er verliebt sich, er wird langsam wieder zum Menschen. Er will nicht mehr nur zusehen, er will eingreifen ins Leben. Und auch die Überzeugungen des Staatsdichters beginnen zu bröckeln, als er bemerkt, dass er ins Fadenkreuz des Systems geraten ist. Gemeinsam entfernen sich Überwacher und Überwachter von der DDR, der Dichter bekommt einen Komplizen, von dem er nichts weiß, nichts wissen darf. Und gemeinsam werden die beiden ungleichen Verbündeten und die vielen Millionen anderen, für die sie exemplarisch stehen, schlussendlich das System zum Einsturz bringen.

Das Leben der Anderen, Deutschland 2005, Buch und Regie: Florian Henckel von Donnersmarck, mit Martina Gedeck, Ulrich Mühe, Sebastian Koch, Ulrich Tukur, Thomas Thieme, Hans-Uwe Bauer, Volkmar Kleinert, Herbert Knaup, Kinostart: 23. März 2006 bei Buena Vista

Foto: Verleih

Thomas Winkler, 41, lebt und arbeitet am Rande von Berlin.



www.movie.de/filme/dlda
Website zum Film (deutsch)

www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database

www.filmportal.de
Infos zum Film auf filmportal.de

www.filmz.de
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