"In der realen Arbeit entwickelt jeder Schauspieler seine eigenen Methoden, eine Figur glaubhaft darzustellen", meint Edelgard Hansen. Die Schauspielerin und Regisseurin lebt und arbeitet in Berlin. Lange Zeit war sie am Schauspielhaus Bochum und am Theater am Kurfürstendamm engagiert. Seit einigen Jahren hat sie nun die Kinder- und Jugendarbeit für sich entdeckt. Unter anderem leitet sie Schauspielworkshops für Jugendliche. Ula Brunner hat mit Edelgard Hansen über ihre Erfahrungen mit Spieltechniken gesprochen.
Was hat eine warme Dusche mit Schauspieltechnik zu tun?
Es gibt Schauspielrichtungen wie das "method acting" (der amerikanische Regisseur und Schauspieltrainer Lee Strasberg hat mit dieser Methode zahlreiche berühmte Schauspieler wie Marlon Brando oder Dustin Hoffman ausgebildet), in denen die Vorstellungskraft trainiert wird. Bei der "Imaginären Dusche" geht es beispielsweise darum, das Gefühl von "Wohlbefinden" durch die Erinnerung hervorzurufen. Ich stelle mir vor, unter der Dusche zu stehen: Ich fühle die Tropfen auf meiner Haut, die Wärme, die Entspannung. Ich fühle mich wohl. Brauche ich dieses Gefühl irgendwann in einer Szene, kann ich es über die Erinnerung an das "Duschen" abrufen.
Welche anderen Möglichkeiten gibt es, sich einem Gefühl zu nähern?
Ich kann mich einer Figur von außen, durch Beobachtung, nähern. Beispielsweise soll ich einen bedrückten Menschen darstellen. Ich stelle mir vor, wie dieser Mensch ausschaut, wie er lebt, welche Körperhaltung er hat. Dann nehme ich diese Haltung ein, gehe mit schleppenden Schritten, hängendem Kopf. Und automatisch passiert emotional und energetisch etwas mit mir: Ich fühle mich unsicher, bedrückt, vielleicht fängt mein Herz an zu klopfen. Der Gefühlsausdruck entsteht nicht über die Erinnerung, sondern direkt aus der Körperhaltung.
Gute Schauspieler können Emotionen spontan und echt darstellen. Obwohl sie den dramaturgischen Ablauf der Szene natürlich kennen, spielen sie, als erlebten sie die Situation zum ersten Mal. Wie funktioniert diese Quadratur des Kreises?
Durch Offenheit einer Situation gegenüber. Angenommen: In der Szene verlässt mich mein Mann. Das Drehbuch gibt mir vor: Traurigkeit. Ich spiele dieses Gefühl und weine. Aber wenn ich weiter in mich hineinspüre, fühle ich mich auch erleichtert: Gott sei Dank ist der alte Knochen weg. Und die Trauer vermischt sich mit Freude. Diese Ambivalenz von Emotionen ist etwas Ur-Menschliches. Bin ich offen für die Empfindungen, die eine bestimmte Situation hervorruft, entsteht etwas ganz Eigenes. Auch wenn ein gewisses Konzept vorher klar ist - ich werde traurig und weine - möchte doch jeder Schauspieler über diese Grenzen hinausgehen. Und das wirkt dann authentisch.
... damit der Mensch besser spielen kann
Schauspieler betonen, dass Entspannung und Energiearbeit wichtige Voraussetzungen für gutes Spielen sind. Warum?
Offen sein, für das, was passiert, mich auf das einzulassen, was zwischen mir und meinem Gegenüber passiert, setzt immer auch ein gewisses körperliches und geistiges Loslassen voraus. Nur dann bin ich bereit, im Moment mit meinem Körper und meinen Gefühlen zu reagieren, zu agieren und nicht nur mit einem vorgefassten Konzept.
Es gibt viele Methoden, um körperliche und emotionale Verspannungen zu lösen und die Energie wieder in Fluss zu bringen. Welche bevorzugen Sie?
Ich habe an der Hochschule der Künste vier Stunden täglich ein super anstrengendes, sehr wirksames Körpertraining nach Jerzy Grotowski (polnischer Regisseur und Schauspieltrainer) gemacht. Es ging darum, sich in und mit der Gruppe zu bewegen, andere zu berühren, nahen Kontakt herzustellen, Impulse wahrzunehmen und weiter zu geben. Der Körper wurde wie ein Instrument benutzt und täglich neu gestimmt. Diese Vorarbeit hilft, Blockaden zu lösen, die Energie frei fließen zu lassen, damit der Mensch besser spielen kann.
"Das ist mir aber peinlich"
In der Jugendtheaterwerkstatt in leiten Sie dreitägige Workshops mit 14- bis 16-jährigen Berliner Hauptschülern. Mit welchen Trainingsmethoden arbeiten Sie dort?
Auf vieles, was zur professionellen Schauspielausbildung gehört, lassen sich Jugendliche nicht ein. Intensive Kontaktübungen rufen oft Reaktionen wie "Hilfe, von dem lass ich mich nicht anfassen" hervor. Imaginationsübungen, wie das "Duschen", finden sie albern. Was gut ankommt, ist beispielsweise ein Energiekreis: Alle fassen sich an den Händen und geben wortlos, über einen Händedruck, Impulse an die Nachbarn weiter. Solange bis alle still und konzentriert sind. Auch Improvisationen, in denen es darum geht, dem anderen zuzuhören - etwas, das viele im Alltag nicht so gut können - kommen gut an.
Was erwartet Sie bei dieser Arbeit?
Als ich das erste mal so einen Workshop machte, wollte ich nach Hause gehen und den Job schmeißen. Danach wusste ich, was mich erwartet - Widerstände und Neugier - und konnte mich darauf einstellen. Jugendliche wollen oft gar nicht so viel von sich preisgeben. Aber bei der Schauspielerei geht es ja grade darum, etwas auszudrücken. "Das ist mir aber peinlich", heißt es dann. Außerdem sind sie nicht besonders diszipliniert. Es ist ein Prozess, bis alle bereit sind, sich zu konzentrieren, zu wiederholen, zu proben. Das Nette dabei ist, dass Jugendliche in jeder Hinsicht ungezügelt und direkt sind. Dadurch kommt auch sehr viel Echtes rüber.
Auch für die Schüler?
Im Nachhinein ist es so, so, dass alle es gut finden und auch wieder kommen. Die Lehrer haben mir erzählt, dass nach so einem Workshop alle aufmerksamer miteinander sind. Und manche, die schlecht in der Schule sind, aber gut spielen können, werden dann in neuem Licht gesehen. Das mischt die Klassenstruktur positiv auf. Und: Es geht um etwas gemeinsames und nicht, wie sonst, darum, im Alleingang gute Noten zu schreiben und voranzukommen.
Ula Brunner arbeitet als Journalistin und Yogalehrerin in Berlin. Sie schreibt für Hörfunk, Fernsehen - und Online.
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