Schwarze Leinwand

Afrikanisches Kino

1.2.2006 | Ula Brunner | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Grüngelb türmt sich in Ouagadougou, der Hauptstadt Burkina Fasos, einem der ärmsten Länder der Welt, ein Ungetüm aus aufeinander getürmten Filmrollen auf. Selbstbewusst bietet das schrille Kunstdenkmal der kargen Kinofilmlandschaft zwischen Sahara und Südafrika die Stirn: In Burkina Faso werden jährlich zwei bis vier Langfilme produziert; an der Elfenbeinküste entsteht alle drei Jahre ein Film und im Tschad wurde vor zwei Jahren der erste Streifen auf Zelluloid gedreht. Lediglich in Südafrika, dessen Spielfilmproduktion aufgrund von Staatszuschüssen im Jahr 2004 von 2 auf 36 explodierte, zeichnet sich ein echter Aufbruch ab. Insgesamt jedoch ist die Lage schwierig. Während ausländische Billigproduktionen und Blockbuster den afrikanischen Markt überschwemmen, liegt die heimische Filmindustrie beinahe brach.

Wahres Afrika

Das liegt nicht an der Qualität der Filme: Seit die Macher/innen der ersten Stunde wie Ousmane Sembene, Souleymane Cissé oder Safi Faye mit der Parole "Dekolonisiert die Leinwände" mit westlichem Safar-Kitsch aufräumten, ist der ästhetisch-inhaltliche Anspruch gleichbleibend hoch. Manchmal mythisch-märchenhaft, verrätselt, manchmal explizit politisch, bannen heimische Filmemacher/innen das "echte" Afrika auf Zelluloid. War die Gründergeneration – vor der Unabhängigkeit in den 1960er-Jahren war es afrikanischen Filmemachern/innen verboten, im eigenen Land zu drehen – vornehmlich mit kultureller Identitätsfindung und den Folgen der Kolonisation beschäftigt, hat sich mittlerweile eine bunte Vielfalt sozialpolitisch brisanter Filmthemen entwickelt.

Begeisterung, getrotzt den Problemen

Erstmalig im schwarzafrikanischen Kino setzt sich Altmeister Sembene in "Mooladé" (2004) mit der Beschneidung von Frauen auseinander; die sich wandelnde Rolle der Frauen reflektieren Regisseurinnen wie Fanta Regina Nacro oder die Senegalesin Safi Faye. Aids, Rassismus, Migration oder Wirtschaftsprobleme – Problembewusstsein ist angesagt, wird aber auch gerne in Humor verpackt: Inspiriert von Christian Andersens berühmten Märchen beschäftigt sich der Kongolese Mweze Ngangura in seiner musikalischen Komödie "Les habits neufs du gouverneur" (2004) mit politischem Machtmissbrauch in Afrika; satirisch reflektiert der Burkiner Pierre Yameogo in "Moi et mon blanc" (2003) kulturelle Missverständnisse. Freche, anarchische, ungeheuer lebendige Großstadtfilme wie "Ouaga Saga" (2004) von Dani Kouaté finden in Afrika ein begeistertes Publikum.

Filmplattform

Die afrikanische Filmkunstszene ist klein, aber fein. Dennoch oder gerade deswegen findet seit 1969 jedes zweite Jahr in Ouagadougou das panafrikanische Filmfestival FESPACO statt. Das "Festival Panafricain du Cinéma et de la Télévision de Ouagadougou" bietet dem afrikanischen Film die internationale Plattform, die er so dringend benötigt. Letztes Jahr ging der "Etalon D’Or de Yennenga", der Hauptpreis des FESPACO, an Zola Masekos Spielfilm "Drum" (2004), eine internationale Koproduktion. Das pathetische Biopic um die Geschichte des südafrikanischen Sportreporters Henry Nxumalo war einer der wenigen afrikanischen Filme, die außerhalb des Heimatkontinents reüssierten; nicht zuletzt dank seiner protzigen Hollywoodeffekte. Auch der "Berlinale"-Gewinner von 2005, "U-Carmen eKhayelitsha", Mark Dornford-Mays südafrikanische Bizet-Adaption, hat einen europäischen Verleih gefunden. Das ist beachtlich. Denn noch immer wird der afrikanische Film außerhalb des Heimatkontinents nur am Rande wahrgenommen.

Kinosterben

Leider erlaubt ein internationaler Erfolg noch lange nicht den Rückschluss, dass die Produktionen auch in Afrika über die Kinoleinwand flimmern. Auf die Frage, ob die schwarzen Südafrikaner/innen Filme wie "U-Carmen" oder "Drum" mögen, antwortete Zola Maseko: "Erst einmal müssen sie Gelegenheit haben, diese Filme zu sehen. In Soweto mit seinen fünf Millionen Einwohnern fehlt ein Kino." Nicht nur in Soweto. In vielen afrikanischen Städten existieren Kinos – wenn überhaupt – nur in exklusiven Shopping-Malls. Dort werden dann überwiegend Hollywoodstreifen gezeigt, da die größten Vertriebsfirmen fest in US-amerikanischer Hand sind. Und sonst? In ganz Kenia finden sich gerade zehn Kinos, in Senegals Hauptstadt Dakar oder dem Tschad kein einziges.

Videoboom

Dafür boomen die Video-Clubs. Hier jagen überwiegend amerikanische und asiatische Filme über den Fernsehschirm. Das ist billiger als ein Kinobesuch, der etwa mit dem gleichen Preis wie zwei Softdrinks zu Buche schlägt. Nicht selten blinkt inmitten der afrikanischen Steppe eine Satellitenantenne auf einem Wellblechdach: Die komplette Dorfgemeinschaft starrt gebannt auf "Al Bundy“. Von vielen inländischen Produktionen existiert jedoch weder eine DVD noch ein Video. Außerdem ist das allseits beliebte Actiongenre im afrikanischen Film noch immer unterrepräsentiert. Wie ließe sich auch ein potentieller Financier wie der Kultursender Arte von Martial Arts - Made in Afrika überzeugen. Regisseur Nweze Ngangura beschreibt die Zwickmühle so: "Wenn man europäisches Geld haben will, muss man einen richtig afrikanischen Film machen. Oder vielmehr das, was sich die Europäer darunter vorstellen.“

Weg vom Tropf

Heute wie vor 35 Jahren hängt der afrikanische Film an ausländischen, meist europäischen Geldtröpfen. Das soll sich jedoch ändern. Zunehmend werden Stimmen laut, die ein unabhängiges afrikanisches Kino fordern. Baba Hama, Festivaldirektor des FESPACO seit 1996: "Wir müssen uns organisieren, um eine wirkliche Filmindustrie aufzubauen. Wir dürfen nicht darauf warten, dass uns Europa nach einzelnen Stücken fragt. Wir müssen selbst in der Lage sein, unseren Film zu vermarkten." Mit gut funktionierenden Produktions- und Vertriebsstrukturen soll der internationale, aber auch der heimische Markt endlich erobert werden. Angesichts der momentanen Realitäten klingt das noch nach ferner Zukunftsmusik. Aber das Ziel ist klar gesteckt: "Wir wollen, dass unsere Filme überall gesehen werden."

Ula Brunner ist Fernsehjournalistin und hat ein klares Faible fürs afrikanische Kino



www.bpb.de
Um Begeisterung für die Vielfalt und Vielschichtigkeit Afrikas zu wecken und auf diese Weise mehr Verständnis und Toleranz im eigenen Land zu erreichen, hat die Bundeszentrale für politische Bildung den mehrjährigen Schwerpunkt "Fokus Afrika Africome 2004-2006" initiiert.

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