Ein flüchtiger Kuss und eine gehetzte Umarmung sind die letzten Erinnerungen, die Justin an seine Frau Tessa hat. In wenigen Tagen will er ihr und ihrem Begleiter Dr. Arnold Bluhm in die kenianische Wüste folgen, doch dazu soll es nicht kommen. Das nächste Mal wird er Tessa erst wieder im Leichenschauhaus sehen. Der Anblick seiner bis zur Unkenntlichkeit verbrannten Frau löst bei Justin eine emotionale Lähmung aus. Im Gegensatz zu ihrem gemeinsamen Freund Sandy, der sich in ein Waschbecken in der Totenhalle übergeben muss, bleibt Justin äußerlich gefasst. Er hat seine Frau zum zweiten Mal verloren. Doch erst ihr Tod wird Justin dazu bewegen, sich mit der Beziehung zu Tessa wirklich auseinander zu setzen. Er beginnt sie zu verstehen, als es längst zu spät ist.
Das Private wird politisch
Fernando Meirelles' ("City of God", 2002) zweiter internationaler Spielfilm "Der ewige Gärtner", entstanden nach der gleichnamigen Romanvorlage von Thriller-Autor John le Carré ("Der Spion, der aus der Kälte kam"), bedient sich der äußeren Form eines Beziehungsfilms, um zum eigentlichen Kern seiner Geschichte vorzudringen. Das Politische und das Private verschmelzen in "Der ewige Gärtner" zu einer formal überzeugenden Anklage eines Skandalons der Unterdrückung und Ausbeutung: den Geschäftspraktiken der internationalen Pharma-Industrie und speziell deren Machenschaften auf dem afrikanischen Kontinent.
Justin und Tessa könnten als Paar kaum unterschiedlicher sein. Er, ein blasser britischer Diplomat ohne Schneid und Ambition; sie, eine hitzige Polit-Aktivistin, die sich in einem internationalen Netzwerk von Hilfsverbänden und NGOs (non-governmental organisations) betätigt. Die Chemie dieses ungleichen Paares bleibt auf der Leinwand unergründlich, was sie verbindet, ist zunächst schleierhaft. "Bei dir fühle ich mich sicher", sagt Tessa nach ihrer ersten gemeinsamen Nacht. Doch als sie ihn wirklich braucht, hat er sich bereits zu weit von ihr entfernt. Erst ihr Verlust bringt Justin dazu, eine Revision seiner Ehe vorzunehmen. Bei seinen Recherchen stößt er auf eine internationale Verschwörung, die nicht nur Tessa das Leben gekostet hat. Sie führt ihn direkt in das Herz der britischen Diplomatie: eine piekfeine Gesellschaft korrupter Staatsdiener, Großkapitalisten mit schlechten Manieren und Möchtegern-James-Bonds.
In diesem Kontext nimmt sich das Beziehungsdrama von Justin und Tessa klein und unwichtig aus. Doch der westliche Blickwinkel ist seit jeher bestimmend für den postkolonialen Erlebnisbericht. Man muss diese euro-zentrische Sichtweise von "Der ewige Gärtner" zunächst kritisieren, umso mehr, da der brasilianische Regisseur Meirelles selbst aus einem so genannten Entwicklungsland stammt, wo er allerdings zur oberen Mittelschicht gehört. Doch dann ist "Der ewige Gärtner" auch sehr genau in der Schilderung der afrikanischen Verhältnisse; selbst regionale Charakteristika wie die Ethnien der Darsteller oder die Handlungsorte werden überaus ernst genommen. Man muss Meirelles besonders zu Gute halten, dass für ihn ein mythisches Afrika nicht existiert. Meirelles legt großen Wert auf Authentizität und den Respekt gegenüber den regionalen Identitäten und Kulturen.
Dass die Ausbeutung der afrikanischen Bevölkerung anhand der Liebesgeschichte von Justin und Tessa erzählt werden muss, ist nur die Fortschreibung klassischer Kolonialliteratur wie etwa Joseph Conrads Klassiker "Herz der Finsternis", der als Vorlage für Coppolas "Apocalypse Now" (1979) diente. Die Exotik, das Fremde Afrikas wird noch betont in den hochkontrastierten, rotstichigen Bildern von Meirelles Kameramann César Charlone, die den grünlichen Bildern aus Europa (der Welt von Justin) entgegenstehen. Der Farbenreichtum der afrikanischen Katastrophengebiete kann eine touristische Faszination nicht verhehlen. Aber Meirelles durchbricht den ausbeuterischen Blick der Kamera immer wieder mit Szenen von bestürzender Direktheit: die improvisierten Krankenlager, die Slums von Kibera, die mobilen Versorgungsstationen, bewacht von Militärpolizisten. "Die Pharmaindustrie", sagt ein Arzt zu Justin, "ist genauso profitabel wie der Handel mit Waffen." In Afrika testet ein Pharmakonzern neue Medikamente an kranken Menschen. Die würden sowieso sterben, heißt es lapidar in britischen Regierungskreisen. Ein ganzer Kontinent als medizinisches Versuchslabor.
Die große Leistung Meirelles besteht darin, sich unsere (westliche) Empörung nicht mit manipulativen Bildern erschleichen zu wollen. Die afrikanische Bevölkerung ist in "Der ewige Gärtner" – auch wenn der Fokus eindeutig auf den westlichen Protagonisten liegt – mehr als Elends-Staffage. Im Gegensatz zu anderen Hollywood-Filmen der letzten Zeit, die sich explizit mit Afrika beschäftigen (oder es zumindest vorgeben), wie "Jenseits aller Grenzen" (2003) oder "Tränen der Sonne" (2003), entwickelt sich "Der ewige Gärtner" nicht zur Meta-Erzählung über den hilfsbereiten Westen und das arme Afrika als, wie es bei Rudyard Kipling heißt, "Bürde des weißen Mannes".
Meirelles kann dieses Klischee allerdings nur umgehen, indem sich sein Film auf dem Höhepunkt des Konflikts wieder vom Politischen in den Privatkitsch zurückzieht. Justin hat sich zum ersten und letzten Mal gegen die Hierarchien aufgelehnt. Und über seinem Kampf gegen die Machenschaften von "Big Pharma" hat er zum ersten Mal auch Tessa wirklich kennen gelernt. Das Ende von "Der ewige Gärtner" wird überstrahlt vom reichlich unzeitgemäßen Bild westlichen Opfer-Mythos. Justin begibt sich allein in die Wüste, um seiner ermordeten Frau endlich nahe zu sein.
(The Constant Gardener), Großbritannien, Kenia, Deutschland 2005, Regie: Fernando Meirelles, Buch: Jeffrey Caine nach dem Roman von John le Carré, mit Ralph Fiennes, Rachel Weisz, Danny Huston, Bill Nighy, Anneke Kim Sarnau, Hubert Koundé, Daniele Harford, Packson Ngugi, Bernard Otieno Oduor, Pete Postlethwaite, Kinostart: 12. Januar 2006 bei Kinowelt
Foto: Verleih
Andreas Busche schreibt für und über die Kulturindustrie und arbeitet in London als Filmarchivar.
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