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Kino der Widersprüche

Eine Geschichte des Independent-Films

1.2.2003 | Philipp Bühler | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Als "24 Hour Party People" letztes Jahr auf dem Festival in Cannes vorgeführt wurde, waren die Reaktionen einmütig: Die feinen Cineasten verließen das Kino in Scharen. Die wenigsten hatten verstanden, um was es überhaupt ging. Dass sich in einem Club in Manchester Anfang der 80er eine Independent-Szene gegründet hatte, mit Bands wie Joy Division, New Order oder den Happy Mondays - na und? Ironie der Geschichte: 1984 hatte mit Jim Jarmuschs "Stranger Than Paradise" erstmals ein Independent-Film die Goldene Palme gewonnen. Über Jahre hinweg war das Festival in Cannes das Schaufenster des unabhängigen amerikanischen Films.

Die zeitliche Parallele der Entwicklung einer Independent-Szene in der Musik wie im Film ist nicht zufällig: Die Post-Punk-Ära sah die allmähliche Befreiung von Hollywood-Firmen und Plattenmultis durch kleine Labels und Eigenproduktionen, einen Kampf um künstlerische Unabhängigkeit, das Bemühen um einen persönlicheren, ungeschliffenen Stil. All das war in der Musik und erst recht im Film nicht völlig neu. Aber erst die notorische Anti-Haltung des Punk, gepaart mit einem trotzigen Enthusiasmus, brachte den Durchbruch.

Verschränkung von Musik und Film

Dabei ließe sich auch die Geschichte des Independent-Films als Geschichte von Clubs erzählen. Ins New Yorker CBGB's ging Jim Jarmusch nicht nur, um zu den Ramones oder Blondie abzuhotten. "Man hat die verschiedensten Leute im CBGB's getroffen, und die Gespräche waren nicht auf Musik beschränkt. Hier konnte man mit Musikern über Filme reden und mit Schriftstellern über Musik," erklärte die Silbertolle später. Andy Warhols Factory, mit ihrer ständigen Verschränkung von Musik und Film als Glamourexperiment, war das Vorbild. Und so waren auch deren übrig gebliebene Superstars - neben bekannten Undergroundfilmern wie Jonas Mekas und Amos Poe - immer zur Stelle, um die Jüngeren von ihrer Erfahrung profitieren zu lassen.

Szenen wurden wichtig. Plötzlich schien jeder interessante Film aus irgendeiner Subkultur zu kommen. Der König des schlechten Geschmacks John Waters, der seine Filme mit homosexuellen Outlaws wie Divine besetzte, schaffte den ersehnten Ausbruch aus dem Schwulenghetto - mit nach wie vor schwulen Filmen. Spike Lee brachte mit "Do the Right Thing" das Black Cinema ins Rollen. In England machte der von Punk nachhaltig beeindruckte Derek Jarman von sich reden.

Ästhetische Gemeinsamkeiten

Dabei spielt die Verschiedenheit der Stile für distinktionsversessene Subkulturen keine unwesentliche Rolle. Überhaupt hat es wenig Sinn, außerhalb der USA in einem Aufwasch von "Independent" zu reden. Zu unterschiedlich sind die Bedingungen in den einzelnen Ländern. Britische Produktionen stützten sich meist auf Fernsehgelder, insbesondere nach der Gründung des innovativen Senders Channel 4. In Deutschland waren die von eigenständigen Filmemachern um Rainer Werner Fassbinder und Werner Herzog geschaffenen Strukturen so schwach, dass der Produzent Bernd Eichinger keine Mühe hatte, den Autorenfilm quasi im Alleingang zu erledigen. Und das kleine Finnland wäre ohne die Brüder Kaurismäki auf der Landkarte des Films gar nicht erst vertreten.

Doch betrachtet man die Klassiker dieser uneinheitlichen Bewegung in der Rückschau, finden sich - vor allem ästhetische - Gemeinsamkeiten. Die Freunde Aki Kaurismäki und Jim Jarmusch teilen eine Liebe zu edlen Schwarzweißbildern; dem Punk nicht unähnlich verstanden sie sich auch als Retter verschütteter Traditionen. In langsamen Erzählungen wird zu Gunsten der Charaktere auf Plot oder Action verzichtet. Auf die überragende Bedeutung der Musik machte Jarmusch schon durch die Wahl seiner Schauspieler aufmerksam: John Lurie und Tom Waits. Doch in einem Kino der Widersprüche ist auch dieses Verhältnis gebrochen. Die Punk-Existenz des orientierungslosen jungen Helden in Jarmuschs Erstling "Permanent Vacation" hält diesen nicht davon ab, zu exaltiertem Jazz zu tanzen. Ähnlich ergeht es den leichtfüßigen Rock'n'Roll-Nummern in den Filmen von David Lynch ("Blue Velvet") und John Waters ("Hairspray"): Sie begleiten ohne weiteres befremdliche Orgien von Gewalt (Lynch) oder zügellose Obszönität (Waters).

Hollywood in der Krise

Weniger vom persönlichen Anspruch als vom Geist der "Eighties" sprachen der Pop-Eskapismus von Susan Seidelman ("Susan, verzweifelt gesucht") und der New-Wave-Futurismus Luc Bessons ("Nikita"). Im Programmkino um die Ecke fand man sich in der eigenen Lebenswelt wieder, die Filme waren spontaner, frecher und einfallsreicher als alles andere. Ihr subkultureller Stil schlug sich nicht zuletzt im Kleiderschrank eines loyalen Publikums nieder. Hollywood war in der Krise. Und Mitte der Neunziger schien es, als hätte diese aufregendere Art des Filmemachens endgültig gesiegt. In Cannes gewannen 1989 "Sex, Lies and Videotapes" des jungen Steven Soderbergh, 1990 "Wild at Heart" von David Lynch, 1991 "Barton Fink" der Brüder Coen und 1994 "Pulp Fiction" - mit dem Quentin Tarantino, längst überfällig, Arthouse-Kino und B-Picture versöhnte.

Bereits 1987 kamen alle für den besten Film nominierten Oscar-Anwärter aus dem Independent-Bereich. Und die von der Grunge-Musik getragenen Slacker-Filme von Richard Linklater ("Slacker") und Kevin Smith ("Clerks") ließen eine neue Generation ans Ruder. Doch die Geschichte nahm eine andere Wendung, wobei die Parallele zur "Alternative"-Musik einmal mehr ins Auge fällt. Die Minderheit wurde zum Mainstream. Das von Robert Redford gegründete Sundance-Festival in Utah wurde in kürzester Zeit zur Massenveranstaltung, auf der Hollywood-Magnaten wie auf einer Talentbörse Neueinsteiger sichteten. Produzenten wie Miramax, die schon "Pulp Fiction" mit einer beispiellosen Werbekampagne nach vorne brachten, wurden zu finanzstarken "Mini-Majors".

Independent als Durchlauferhitzer

Die Filme wurden dadurch nicht schlechter, verloren aber an Bedeutung. Vom Indie-Ethos bleibt nicht mehr viel übrig, wenn Ausnahmeregisseure wie Soderbergh oder Christopher Nolan ("Memento") die erste Billig-Produktion als Sprungbrett für die Karriere im Hollywood-System nutzen. Die jungen Macher von "Blair Witch Project" wurden flugs eingekauft - und scheiterten kläglich. Überraschungen wie "Kids" oder "Boys Don ’ t Cry" wird es immer geben. Doch kaum ein Regisseur oder Schauspieler nimmt das Risiko ein zweites Mal auf sich. Independent als Durchlauferhitzer.

Man kann es auch positiv sehen. "Hollywood hat verstanden, dass die Indies die Seele des amerikanischen Kinos ausmachen", schreibt Emanuel Levy in seinem Buch "Cinema of Outsiders: the Rise of American Independent Film". Das Kino ist auch ohne den finanziellen Druck der Millionenproduktionen im Stande, Helden zu produzieren. Sie sehen nur nicht mehr so heldenhaft aus. Sie haben keine Silbertollen. Sie essen keine Hundescheiße wie Divine. Sie schmeißen keine Mülltonnen in Schaufenster wie Spike Lee. Schließlich ist jede Party irgendwann vorbei. "24 Hour Party People" ist übrigens kein Independent-Film.

Foto "Int.Trailer.Night" von Jim Jarmusch: Ottfilm

Philipp Bühler ist 31, lebt als freier Autor in Berlin und hat die meisten dieser Filme für 4 Mark im Kommunalen Kino gesehen. Das ist ziemlich lange her.


www.imdb.de
Mehr Infos zu den genannten Filmen




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