Das Konzept ist so einfach wie ökonomisch, und vielleicht hat "Jackass" sogar die Bilder, nach denen die "Dogma"-Filme immer gesucht haben - und das in höchster Vollendung. Keine Schauspieler, keine künstliche Dramaturgie, natürliches Licht, alles umgeben von einer Aura der Unverfälschtheit. "Jackass" ist authentisch (darum halten es viele Kritiker für so "gefährlich") - zumindest im autobiografischen Sinne, und damit war auch - vielleicht zum ersten Mal überhaupt - der Anspruch erfüllt, mit dem MTV seit seiner Gründung Jugendkultur vermitteln wollte. Und Jugendkultur hieß immer schon zwangsläufig Jungskultur, nicht zuletzt auf MTV.
Wo es am meisten weh tut
"Jackass" führt uns in einen hermetischem Raum, in dem jede soziale Praktik ad absurdum geführt ist. Mädchen oder gar Frauen kommen hier überhaupt nicht mehr vor, das gilt auch für Afro-Amerikaner oder andere Ethnien. Und das hat überhaupt nichts Diskriminierendes, im Gegenteil; der Reinheit dieses Jungs-Universums, in dem sich jeder Mensch, der seine Pubertät hinter sich gelassen hat, wie ein Alien vorkommen muss, würden solche "sozialen Komponenten" nur einen schalen Beigeschmack verschaffen.
Aber das Zusammenhanglose dieser Tour de Force ist hier zum Prinzip erhoben worden und diese Redundanz entfaltet erst auf der großen Leinwand ihre volle Wirkung (darum sollte man auch auf keinen Fall auf die DVD- und Videoveröffentlichung warten). Zieht man die Fäkal-, Kotz-, Piss- und andere Körpersaft-Stunts ab, bleiben unterm Strich einige bemerkenswert surreale und überaus originelle Episoden hängen, wie zum Beispiel das Krokodil an der Männerbrust, die "Papercuts" (empfindliche Schnitte mit scharfen Paperkanten in Finger, Mundwinkel und das männliche Genital) und, ich muss es zugeben, das Spielzeugauto im Darmtrakt.
Die Warnung "Do not attempt this at home", das alte "Jackass"-Motto, ist vielleicht der Schlüssel zur allgemeinen "Jackass"-Rezeption, zum Geheimnis des Erfolgs. Und darin unterscheidet sich "Jackass - The Movie" auch von den Fäkal-Exzessen, sozialen Diskriminierungen und körperlicher Verstümmelungen der Farrelly-Brüder, Tom Greens oder "South Park": Der Homevideo-Charakter der kurzen Einlagen, die selten Sketch-Charakter besitzen (und dann ist "Jackass" auch am besten und "gefährlichsten") und über keinerlei dramatischen Erzählrahmen verfügen (außer dem des lustvollen, karthartischen Leidens), verschafft eine Erfahrung von Unmittelbarkeit, die Suggestion von Unverletzbarkeit. "Versucht nicht, das nachzumachen!" ist wie ein Passwort in diese Selbstkasteiungspubertätshölle - und gleichzeitig zynisches Zertifikat der Authentizität. Alles echt - und jetzt: viel Schmerz beim Zugucken.
(Jackass: The Movie) USA 2002, Regie: Jeff Tremaine, Buch: Jeff Tremaine, Spike Jonze, Johnny Knoxville, mit, Johnny Knoxville, Bam Margera, Chris Pontius, Steve-O, Dave England, Ryan Dunn, Jason "Wee Man" Acuña, Preston Lacy, Ehren McGhehey, ab 18, Kinostart: 27. Februar 2003 bei UIP
Foto: Verleih
Andreas Busche schreibt als freier Autor über und für die Kulturindustrie. Zurzeit lebt er in San Francisco, USA.
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