Jungskultur: Jackass - The Movie

"Versucht nicht, das nachzumachen!"

Kinostart: 27.2.2003 | Andreas Busche | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Zu Orffs "Carmina Burana" rollen Johnny Knoxville & Co in Zeitlupe in einem überdimensionierten Einkaufswagen über einen Hügel, während sie sich ordentlich die Fresse polieren. Die Lacher haben sie dabei auf ihrer Seite, und auch ihnen selbst bereitet das alles sichtlich Spaß. So ungefähr funktioniert das Prinzip von "Jackass", dem auf MTV jugendkulturell erprobten und sensationell erfolgreichen Krawall-Reality-TV aus Amerika.


Das Konzept ist so einfach wie ökonomisch, und vielleicht hat "Jackass" sogar die Bilder, nach denen die "Dogma"-Filme immer gesucht haben - und das in höchster Vollendung. Keine Schauspieler, keine künstliche Dramaturgie, natürliches Licht, alles umgeben von einer Aura der Unverfälschtheit. "Jackass" ist authentisch (darum halten es viele Kritiker für so "gefährlich") - zumindest im autobiografischen Sinne, und damit war auch - vielleicht zum ersten Mal überhaupt - der Anspruch erfüllt, mit dem MTV seit seiner Gründung Jugendkultur vermitteln wollte. Und Jugendkultur hieß immer schon zwangsläufig Jungskultur, nicht zuletzt auf MTV.

Wo es am meisten weh tut

"Jackass" führt uns in einen hermetischem Raum, in dem jede soziale Praktik ad absurdum geführt ist. Mädchen oder gar Frauen kommen hier überhaupt nicht mehr vor, das gilt auch für Afro-Amerikaner oder andere Ethnien. Und das hat überhaupt nichts Diskriminierendes, im Gegenteil; der Reinheit dieses Jungs-Universums, in dem sich jeder Mensch, der seine Pubertät hinter sich gelassen hat, wie ein Alien vorkommen muss, würden solche "sozialen Komponenten" nur einen schalen Beigeschmack verschaffen.
Stattdessen bleibt eine weiße, männliche und (der Fäkalfixierung nach zu urteilen) aller Wahrscheinlichkeit nach auch heterosexuelle Vorstadt-Jugend schön unter sich - und schlägt a) enorm viel Zeit mit sinnlosen Extrem-Stunts tot und b) sich, im übertragenen Sinne, gegenseitig dahin, wo es am meisten wehtut. Denn die Techniken des Schmerzens und der Verstümmelung waren in "Jackass" immer ausgesprochen elaboriert und fantasievoll, der Schmerz war hier nicht mehr ausschließlich Folge eines physischen Gewaltaktes, sondern oft genug auch Hervorbringung von "zu viel Zeit" (um sich solchen Quatsch auszudenken) und der Entfremdung alltäglicher Konsumprodukte (wie Papier, Spielzeug-Autos, Pfefferspray, Feuerwerkskörper). "Jackass" ist aber nicht nur als Symptom interessant, es funktioniert auch als Unterhaltung prächtig.

Insgeheime Bedürfnisse

Dass "Jackass" irgendwann ins Kino kommen würde, hätte man eigentlich absehen können. Den Untergang der Fernsehkultur, wie er nach den ersten "Jackass"-Folgen prophezeit wurde, haben wir nicht erst mit Knoxville & Co erlebt. Schon in den 1960er-Jahren hatte Chuck Barris mit seinen Gameshows - unter anderem "The Dating Game", das amerikanische Vorbild für "Herzblatt" - kalkuliertes Anti-Fernsehen produziert, ohne Inhalt, ohne Form, ohne Stil (demnächst auch im Kino, in George Clooneys kongenialem Biopic "Confessions of a Dangerous Mind").

Natürlich bestätigt die Existenz und vor allem der Erfolg von "Jackass" diesen wachsenden Kulturpessimismus, aber es ist so einfallslos wie hilflos, die Serie - und jetzt den Film - deswegen als primitiven Quatsch zu verdammen. Denn wie auch schon Barris produziert Knoxville etwas, für das es offensichtlich eine unbewusste Nachfrage gab. Viel Interessanter als die Frage, wer die Menschen hinter "Jackass" sind, die sich zum Zeitvertreib ernste Verletzungen zuziehen, ist daher, warum wir uns so etwas angucken und welche insgeheimen Bedürfnisse damit gestillt werden.

Zusammenhanglosigkeit als Prinzip

In der Kinoversion ist "Jackass - The Movie" eigentlich eine Frechheit, fast eine Provokation an sich, weil das TV-Format nicht im Geringsten überarbeitet wurde. Auf eine Rahmenhandlung wird immer noch verzichtet, dafür gibt es einige nennenswerte Gast-Auftritte von Henry Rollins beim "Off Road"-Tätowieren (meine Lieblingseinlage) und Spike Jonze, der zusammen mit Knoxville auch am "Konzept" des Films gearbeitet hat (nebenbei, dass Hollywoods neues Regie-Wunderkind - "Being John Malkovich", "Adaptation" - Zeit und Geld in "Jackass" steckt, sagt viel über das Distinktionspotenzial der Serie gegenüber dem klassischen Mainstream).


Aber das Zusammenhanglose dieser Tour de Force ist hier zum Prinzip erhoben worden und diese Redundanz entfaltet erst auf der großen Leinwand ihre volle Wirkung (darum sollte man auch auf keinen Fall auf die DVD- und Videoveröffentlichung warten). Zieht man die Fäkal-, Kotz-, Piss- und andere Körpersaft-Stunts ab, bleiben unterm Strich einige bemerkenswert surreale und überaus originelle Episoden hängen, wie zum Beispiel das Krokodil an der Männerbrust, die "Papercuts" (empfindliche Schnitte mit scharfen Paperkanten in Finger, Mundwinkel und das männliche Genital) und, ich muss es zugeben, das Spielzeugauto im Darmtrakt.

Die Warnung "Do not attempt this at home", das alte "Jackass"-Motto, ist vielleicht der Schlüssel zur allgemeinen "Jackass"-Rezeption, zum Geheimnis des Erfolgs. Und darin unterscheidet sich "Jackass - The Movie" auch von den Fäkal-Exzessen, sozialen Diskriminierungen und körperlicher Verstümmelungen der Farrelly-Brüder, Tom Greens oder "South Park": Der Homevideo-Charakter der kurzen Einlagen, die selten Sketch-Charakter besitzen (und dann ist "Jackass" auch am besten und "gefährlichsten") und über keinerlei dramatischen Erzählrahmen verfügen (außer dem des lustvollen, karthartischen Leidens), verschafft eine Erfahrung von Unmittelbarkeit, die Suggestion von Unverletzbarkeit. "Versucht nicht, das nachzumachen!" ist wie ein Passwort in diese Selbstkasteiungspubertätshölle - und gleichzeitig zynisches Zertifikat der Authentizität. Alles echt - und jetzt: viel Schmerz beim Zugucken.

(Jackass: The Movie) USA 2002, Regie: Jeff Tremaine, Buch: Jeff Tremaine, Spike Jonze, Johnny Knoxville, mit, Johnny Knoxville, Bam Margera, Chris Pontius, Steve-O, Dave England, Ryan Dunn, Jason "Wee Man" Acuña, Preston Lacy, Ehren McGhehey, ab 18, Kinostart: 27. Februar 2003 bei UIP

Foto: Verleih

Andreas Busche schreibt als freier Autor über und für die Kulturindustrie. Zurzeit lebt er in San Francisco, USA.


www.jackassthemovie.com
Website zum Film (englisch)
www.mtvhome.de
Infos zum Film auf der deutschen MTV-Website
www.imdb.de
Mehr über den Film in der Internet Movie Database




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