"Das Blut bleibt an der Klinge", sagt Vater Vallone zu seinem Sohn Amsterdam, bevor er zur Schlacht auf die Straße zieht - die Straßen, in denen Amerika geboren wurde, wie schon 1928 Herbert Asburys Romanvorlage zu Martin Scorseses "Gangs of New York" erinnerte. Blut klebt auch am Film genauso wie an Amerikas Gründergeschichte, und es lässt sich einfach nicht abwaschen. Scorsese hat seit fast dreißig Jahren auf diesen Film warten müssen, in denen sich einige seiner essentiellen Themen (Gewalt, Schuld, Suche nach Erlösung) zu einer epochalen Geschichte vereinen. Man merkt dem Film die Anstrengung an, die er seinem Macher gekostet hat, und es überrascht kaum, dass "Gangs of New York" am Ende nicht mehr viel Spaß macht.
Der Film erzählt die oral history der "Birth of a Nation", die mit viel Blut erkauft wurde. Auf den Straßen herrschen Banden, und die junge Nation ist gespalten durch den Bürgerkrieg gegen die Südstaaten. Aber auch wenn der Norden, die Yankees, für die Sklavenbefreiung kämpfen, hat der Rassismus auch in den Straßen von New York eine explosive Qualität. Am Ende dieser Geschichte standen 1863 die Draft-Riots; Amerika hatte seine Unschuld verloren, als das Militär zum ersten Mal mit Waffengewalt gegen die eigenen Zivilisten vorging. So bleibt das Blut am Ende an der Klinge und an der amerikanischen Geschichte. Dazwischen haben Leonardo DiCaprio und Cameron Diaz eine merkwürdige Liebesgeschichte und Daniel Day-Lewis als Nationalist Billy The Butcher einige übermotivierte Auftritte.
"Gangs of New York" ist epochal wie Michael Ciminos amerikanischer Mythenzerstörer "Heaven ’ s Gate", bekommt aber seinen Stoff nie in den Griff. Oder um bei Scorsese zu bleiben: Was der mit "Goodfellas" oder "Casino" schaffte, zwei Epochen anhand komplexer Milieustudien von unglaublicher Informationsdichte wiederzubeleben, will ihm mit "Gangs of New York" einfach nicht gelingen; er scheint vor dem Material kapituliert zu haben. Es mag auch daran liegen, dass der Film von knapp 4 Stunden auf 2,5 heruntergeschnitten wurde. Man bekommt durch seine mythisch aufgeladenen Bilder gerade noch eine Ahnung, was Scorsese vorschwebte, aber der Film verliert sich in zu vielen Nebenhandlung. Selten ist ein Regisseur in so großem Stile an sich selbst gescheitert.
Andreas Busche
(Gangs of New York) USA 2002, Regie: Martin Scorsese, Buch: Jay Cocks, Steven Zaillian, Kenneth Lonergan, mit Leonardo DiCaprio, Daniel Day-Lewis, Cameron Diaz, Jim Broadbent, John C. Reilly, Henry Thomas, Liam Neeson, Brendan Gleeson, Kinostart: 20. Februar 2003 bei 20th Century Fox
Foto: Verleih
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