Der dänische Starregisseur Lars von Trier bringt nicht nur Kinofilmverkaufsschlager mit dem Label Dogma95 auf den Markt, sondern auch dogmatische Pornofilme. Pornos mit Tabus und, siehe Dogma, mit Manifest. Filme wie "All About Anna" sind gemäß der dort festgeschriebenen Regeln inszeniert worden: Auch Frauen sollen Lust am Porno haben. Wichtigste Punkte: Das Einbinden des Geschlechtsaktes in eine damit verbundene Handlung, die erotische Spannung aufbaut. Zum anderen der Verzicht auf die als entwürdigend empfundenen und in der Mehrzahl der Mainstream-Pornos enthaltenen Handlungen wie Fellatio, An-den-Haaren-Ziehen oder Ejakulation direkt ins Gesicht. Die Filme haben großen Erfolg, nicht nur beim weiblichen Publikum.
Gleichen sich die selbst auferlegten Forderungen der Produktionsfirma Puzzy Power – ein Zweig von Zentropa, des Filmgeschäfts des Lars von Trier – mit den Merkmalen, die auch Frauenpornographie-Forscherin und Kulturwissenschaftlerin Dr. Corinna Rückert für einen Pornofilm, der Frauen gefallen soll, entdeckt hat? Corinna Rückert schrieb ihre Doktorarbeit über Frauenpornographie und drehte unter dem Pseudonym Cora Romanelli den Pornofilm "Das Geburtstagsgeschenk", mit dem sie ihre Forschungsergebnisse umsetzte. Sie ist Autorin von "Die neue Lust der Frauen. Vom entspannten Umgang mit der Pornographie“ und von "Lustschreie“, einer Sammlung erotischer Geschichten. Dr. Rückert: “Den politisch korrekten Porno gibt es nicht. Das ist ein Widerspruch in sich. Pornographie zeigt kein reales menschliches Miteinander, sondern sexuelle Phantasien von Männern und Frauen. Die sind sicherlich in einigen Fällen gesellschaftlich akzeptabel – in den meisten Fällen aber nicht. Das ist ja genau der Sinn einer Phantasie, sich in eine Form der Gegenrealität hineinzubewegen."
Blümchensex adieu – Glaubwürdigkeit ahoi
In den 1990er-Jahren, als erste Frauenpornoproduktionsfirmen die Arbeit aufnahmen, sollte alles anders werden: “Diese Filme hatten ihren Ursprung in der Lesbenszene. Hier wurde der männliche Blick bewusst ausgeklammert", so Rückert. Das deckt sich auch mit den Erkenntnissen des Neuropsychologen Prof. Henner Ertel. Henner Ertel ist Professor für Neuropsychologie und Leiter der Gesellschaft für rationelle Psychologie (G.R.P.). Seine Arbeit "Erotika und Pornographie" von 1990 konnte anhand einer Studie mit knapp 6.000 Probanden viele Fragen zur Pornographie klären. "Es gibt keine Pornographie, die nur Frauen gefällt – es gibt nur gute und schlechte Pornographie, unabhängig von der 'Schamlosigkeit' der gezeigten Handlungen", weiß Professor Ertel zu diesem Thema zu erläutern. "Die Behauptung, Frauen stehen nur auf Blümchensex, lässt sich nicht belegen. Die Forschung hat gezeigt, dass, wenn Frauen keine soziale Sanktionierung zu erwarten haben, sie für ausgefallene Sexualpraktiken schneller zu begeistern sind als Männer." Letztendlich sei Pornographie umso "besser", je stärker sie den Prinzipien der Ästhetik des Natürlichen folgt und glaubwürdig ist. Ertel: "Ein Pornofilm, bei dem nicht beide oder alle teilnehmenden Darsteller/innen Spaß an der Sache haben, ist an sich schon ein schlechter Pornofilm." Nachgewiesen hat er dies anhand neurologischer Messungen: "Es kommt bei einem 'schlechten' Porno vielleicht zu einer sexuellen Befriedigung, aber ein halbwegs sensibles Publikum merkt das sofort! Ein 'glaubwürdiger' Porno, in dem Leute wirklich Spaß am Sex haben, danach suchen Männer als auch Frauen." Wer will sich als männlicher Konsument denn ausschließlich entweder von schmierigen Gebrauchtwagenverkäufertypen oder Chippendales repräsentieren lassen?
Sexuelle Verrohung durch Porno?
Im Prinzip ist also alles erlaubt, was Spaß macht – warum aber sind Frauen in der Regel die Gedemütigten? "Erniedrigung ist Definitionssache", meint Corinna Rückert. " Mainstream-Pornographie verletzt nicht die Würde der Frau. Immer wieder, und das macht auch Puzzy Power, der Zentropa-Ableger, wird Fellatio zum Meilenstein der weiblichen Unterdrückung. Durch die gesamte Kulturgeschichte des Menschen hindurch ist orale Befriedigung eine gängige Form sexueller Stimulans. Für beide Partner. Ich fühle mich jedenfalls nicht erniedrigt, wenn ich meinen Mann oral befriedige. Aber es gibt zu viele Pornos, die mit extremer Erniedrigung von Frauen spielen. Aufgrund der Wirkungsforschung ist bis heute jedoch nicht nachgewiesen, dass der Konsum von Pornographie Einfluss auf das reale sexuelle Verhalten von Menschen hat. Jeder normale Mensch ist in der Lage, pornographische von realen Welten zu unterscheiden - genauso wie er in der Lage ist, Actionfilme von der realen Welt zu unterscheiden. Man kann einen Sado-Maso-Porno genießen, ohne das jemals selbst zu praktizieren.“ Henner Ertel ergänzt: "Wir sehen einen messbaren Effekt von paraphiler, also abartiger, 'harter' Pornographie auf bereits sozial geschädigte Individuen – ein Vergewaltiger wird durch den Konsum von verbotenen Pornos schneller zum Vergewaltiger als ohne. Das hat allerdings keine Auswirkungen auf die Vergewaltigungsstatistik. Und Mainstream-Pornographie ist nach unserem Kenntnisstand vollkommen unschädlich hinsichtlich der Übernahme Frauen verachtender Haltungen oder gar Handlungen." Die Empirie zeige allerdings auch, dass der von Verteidigern/innen der Pornographie oft behauptete "Blitzableiter"-Effekt ein Mythos ist. Durch den Konsum von Pornographie gehen reale Vergewaltigungen nicht zurück.
In ihrem Buch "Die neue Lust der Frauen" fordert Corinna Rückert, dass in der Diskussion um Porno nicht immer Gewaltverbrechen und sexuelle Nötigung als unterschwellige Annahmen mitdebattiert werden. Aber liegt das nicht auch an den Eigenheiten einer Branche, die immer noch mit einem Bein in der Halbwelt steht? Bei einigen Produktionen drängt sich außerdem der Eindruck auf, die sexuellen Handlungen basieren nicht auf gegenseitigen Einverständnissen ...
"Wenn die Darstellerinnen am Set sind, versucht oft die meist männliche Regie, sie dazu zu bewegen, Dinge zu tun, die sie vielleicht vorher abgelehnt haben", weiß Corinna Rückert. "Der internationale Pornostar Rocco Sciffredi zwang für Filmaufnahmen deutlich sichtbar eine Frau zu Analsex. Die Frau hatte Schmerzen. Trotzdem macht sie es. Sie steht nicht auf und schmeißt das Ganze hin. Weil sie das Geld will. Ich habe für meinen Porno eine Ausschreibung gemacht, in der ich Laiendarsteller/innen gesucht habe. Die Bewerbungen kamen kartonweise! Die wollen alle freiwillig mitmachen!"
Es bleibt jedoch ein bitterer Beigeschmack von Quasi-Vergewaltigung: Es bleibt der am Set erzeugte psychische Druck und die Anwesenheit vieler physisch stärkerer Männer … "Gefährlich, von vornherein auf diesen Täter/Opfer-Aspekt zu pochen, zu sagen, alle Frauen in der Pornographie sind Opfer.“ Für Rückert läuft so die Diskussion um Porno in die falsche Richtung.
Ursachenbekämpfung
Bis sich "gute" Pornographie auf dem Markt durchsetzt, ist es wohl noch ein weiter Weg. Rückert fordert eine weitere öffentliche Debatte: "So können bestehende Konventionen oder einzelne schwarze Schafe unter den Produktionsfirmen sichtbar werden." Verantwortlich sei größtenteils die deutsche Gesetzgebung, das Verbot von Werbung und Versandhandel. "Dadurch ist Pornographie dermaßen eingeschränkt worden, dass sie sich nur an Männer richten kann. Pornoshops und Pornovideotheken besuchen Frauen eher ungern. Wenn ein Mann vorm Regal steht und sich 'Geile Omis '97' ausleihen will, möchte er nicht, dass eine attraktive Frau neben ihm steht und ihn dabei beobachtet. Und das Internet als Quelle für Pornographie ist unübersichtlich und entspricht nicht dem weiblichen Konsumverhalten. In den USA gibt es Versandhäuser, die zu 60 bis 70 Prozent weibliche Kunden haben. Das wäre die Lösung."
Ernst Kramer hat im Rahmen seiner Recherche von Schmuddel bis Soft einiges gesichtet und traut nur noch seiner Phantasie. Zudem ist er freier Autor und Regieassistent bei Musikclipproduktionen.
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