Stars aus der Fabrik: Andy Warhol und seine Filme

Konsumkunst als Kunstkonsum

1.12.2005 | Silke Kettelhake | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Selbst in den trashigen Ausstellungsräumen der Möbeldiscounter hängt sie als Poster neben romantischen Sonnenuntergängen, Andy Warhols “Marilyn“ von 1962. Konsumkunst: Kunst als Konsum, Konsum als Kunst. "Kunst soll für jedermann sein" – ob als Kopie der Kopie, da gab es für für den gelernten Gebrauchsgrafiker keine Grenzen. Andy Warhol, Pop-Ikone und einer der einflussreichsten Künstler des 20. Jahrhunderts, begründete in den Sixties die berühmt-berüchtigte “Factory“ in Manhattan. Er benutzte Filmmaterial wie seine Spray-Schablonen, als Mittel zum Zweck. Und er benutzte die Menschen, die er darauf festhielt.

Der Sohn tschechischer Einwanderer/innen war der Motor der New Yorker Szene in den Sixties, er liebte Glamour und Fashion, ganz kühler Beobachter und Dokumentarist – der Mensch Warhol, sensibel und verletztlich, verschwand unter seiner silberblonden Perücke. Von 1964 bis 1968 avancierte die Factory, sein Büro und Arbeitsplatz, zum Brennpunkt der New Yorker Avantgarde. Warhol produzierte die Band "The Velvet Underground", drehte Untergrundfilme wie "Sleep", "Eat" oder "Kiss" und verdiente ein Vermögen mit seinen Siebdruck-Bildern. Vom Wunsch getrieben, reich, stark, gesund und schön zu sein, eben sein extremes Gegenteil, umgab Warhol sich mit den Kindern reicher Eltern: mit Models, Transvestiten, Künstlern/innen und Drogenabhängigen, der New Yorker Society eben, die im Studio 54, dem legendären Nachtclub, ihr Wohnzimmer hatte. Sein Umfeld sah er als soziales Experiment, in dem jede/r die Freiheit hatte, sich zu zerstören oder neu zu erfinden. In seiner Factory gaben sich alle die Klinke in die Hand: Stars wie der Schriftsteller Truman Capote, Surrealismus-Malermeister Dalí oder Bob Dylan; Sternchen wie Edie Sedgwick, die, wie viele aus diesen kriselnden Kreisen, den Drogentod starb.

Zwischen Juli 1963 und Herbst 1968 entstanden etwa 60 Filme, einige hundert weitere wurden nie veröffentlicht. Projekte wie sein erster Film, der sechsstündige "Sleep" (1963) - der Dichter John Giorno in unterschiedlichen Schlafpositionen - oder "Empire" - die Spitze des Empire State Buildings lädt zum Phallusvergleich ein - fordern bis heute mit monströsen stundenlangen Einstellungen das Sitzfleisch der kunstbeflissenen Intellektuellen heraus.

Traumberuf Filmstar?

Im März 1964 begann Warhol zusammen mit Edie Sedgwick, einer jungen kalifornischen Erbin mit Hang zur Hysterie, eine Reihe von Filmen zu drehen. Edie sei so selbstbewusst und faszinierend, meinte Warhol, dass sie einfach nur sich selbst spielen müsse, um einen Film in Spielfilmlänge zu tragen: “The Poor Little Rich Girl Saga“ ist eine Referenz an den gleichnamigen Film mit Shirley Temple von 1936. Ein acht Jahre altes Mädchen läuft ihrer reichen Familie davon, um mit einer Varieté-Gruppe aufzutreten. Shirley Temple war Warhols Kindheits-Idol. Edie wird einfach und ohne Drehbuch in ganz normalen Szenen ihres Lebens gezeigt. Tabletten einschmeißen, kotzen und trotzdem aussehen wie ein zerbrechliches Traummodel.

Edie Sedgwick sollte zum Superstar der Factory gemacht werden, doch schon in “Kitchen“ (1965) war sie so stoned, dass sie sich kaum eine Zeile merken konnte. Inwiefern Warhol Nutznießer oder Erschaffer “seiner“ Geschöpfe war, darüber kann man streiten. Als Zuschauer/in wird man zum Voyeur, doch was man sieht, ist nicht Sex, sondern ein intensives Stück Zeit aus dem Leben eines anderen Menschen: “Blow Job“ (1964) zeigt hauptsächlich das gelangweilte Gesicht eines jungen Mannes, dessen Kopf in eindeutiger Haltung vor- und zurückwippt.
Mit “Chelsea Girls“ (1966) gelang Warhol wiederum ein handlungsfreies, scheinbar sinnentleertes Werk der alltäglichen Motive: Sex and Drugs and Rockn´Roll in den Räumen des legendären Chelsea Hotels in Manhattan. Da ist die kauzige Kölner Brauerei-Erbin Christa Päffgen, Sixties-Queen und spätere Velvet-Underground-Frontsängerin als keinesfalls tonsichere und akzentstarke Performerin Nico, die sich stundenlang mit einer Nagelschere die Ponyfransen abschnippelt. “Chelsea Girls“ wurde der erste kommerzielle Filmerfolg Warhols – und einer der wenigen erfolgreichen Undergroundfilme überhaupt.

Warhol, als Hypochonder und Phobiker nach dem schweren Attentat durch die psychopathisch-durchgeknallte Ultrafeministin Valerie Solanas 1968 gesundheitlich und psychisch stark mitgenommen, überließ nach den Schüssen seinem Mitarbeiter Paul Morrissey das Inszenieren der weiteren “Warhol“-Streifen. Unter dem Ettikett "Andy-Warhol-Filme" entstanden Werke wie “Flesh“, “Trash“ und “Heat“ unter Morrisseys Regie, fast eine Trilogie mit dem so wunderschönen wie schauspielerisch unbegabten und so erst recht geeigneten Joe Dallessandro: Knackiger Körper plus starker Akzent plus stumpfe Darstellung ist gleich prima Prollsex. Dallesandro gab meist den Stricher, manchmal mit einer schwangeren Lesbe verheiratet, der durch ungewöhnliche Aktionen Geld auftreiben muss. Dabei zieht er sich oft die Hose hoch und runter, und das ist gar nicht langweilig.

Warhol selbst wurden eher traurige Sexgeschichten und frustrierte Liebesbeziehungen nachgesagt. Er schaffte bis zu seinem Tod 1987 jedenfalls, was er vermutlich Zeit seines Lebens wollte: Den verletzlichen Menschen Warhol so gut wie komplett hinter der Kunstfigur verschwinden zu lassen.

Silke Kettelhake ist fluter.de-Filmredakteurin und träumt als großer Nico-Fan von "All Tomorrows Parties" (Songzeile aus einem Velvet-Underground-Stück)


www.warhol.org
Die Website des Andy-Warhol-Museums in Pittsburgh

www.warholstars.org
Viele Informationen über Leben und Werk des Andy Warhol

www.paulmorrissey.org
Die Website des Filmemachers Paul Morrissey




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