Yan Mo

Before the Flood

Kinostart: 24.11.2005 | Cristina Moles Kaupp | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Der Einzelne zählt in China nichts. Welche radikalen Auswirkungen das haben kann, erleben derzeit die Bewohner/innen des Gebiets des Drei-Schluchten-Damms. Seit 2002 befindet sich das ehrgeizige Staudammprojekt am Fluss Yangtze im Bau – 2009 soll es fertig sein und wird dann unzählige Kulturdenkmäler, Städte und Landstriche überflutet haben. Millionen Menschen müssen umquartiert werden; wie die Behörden das umsetzen, zeigen die Regisseure Yan Yu und Li Yifan in ihrem beeindruckenden Dokumentarfilm "Yan Mo – Before the Flood" am Beispiel der Stadt Fengjie. Über tausend Jahre alt ist dieser Ort, an dem Li Bai geboren wurde, einer der bedeutendsten Dichter Chinas, dessen Poesie auch der Schönheit dieses Tales huldigte.
"Yan Mo" beginnt im Januar 2002, kurz bevor Fengjie mit seinen rund 55.000 Einwohnern evakuiert werden soll. Er leuchtet in das karge Leben von Lastenträgern, Veteranen des Koreakrieges, einer kleinen Kirchengemeinde und einer Familie, die eine Herberge unterhält. Sie hatten Fengjie ihr Leben abgetrotzt, mit illegalen Behausungen und Gelegenheitsjobs. Ein Heim, einen vertrauten Ort der Zuflucht zu haben, galt als das Wichtigste in ihrem Leben. Doch nun ist das alles nichts mehr wert. Die Bewohner/innen müssen in kurzer Zeit ihre Häuser verlassen und erhalten keine adäquaten Ausweichquartiere. Ein überforderter Bürgermeister rezitiert sozialistische Planwirtschaftsrhetorik und lässt "Hauslotterien" veranstalten, die im Zorn der Anwesenden eskalieren: Zu willkürlich werden die neuen Wohnungen vergeben, ohne Rücksicht auf die bisherigen Lebensumstände der Umsiedler. Großfamilien müssen sich nun auf halb so viele Quadratmeter zwängen – oder sie brechen auseinander. Andere erhalten erst gar keinen Ersatz, sollen sich neue Behausungen kaufen. Der Vorwurf der Korruption wird laut, Bauern und Tagelöhner fühlen sich ins Abseits gedrängt. Trotzig und ohne Hoffnung bleiben sie daher in ihren halb abgerissenen Löchern – ohne Strom und Wasser. Die Sprengkommandos jedoch rücken täglich näher.

"Wenn Armut und Arbeitslosigkeit dominieren, dann werden soziale Gerechtigkeit und Bürgerrechte oft vergessen; das einzige Gesetz, das in solchen Zeiten überdauert, ist der mit allen Mitteln geführte Kampf von jedem gegen jeden", sagen die Regisseure. "Je weniger es uns gelang, Zeugnisse von menschlicher Würde im Vorfeld der Flutung zu finden und mit der Kamera festzuhalten, desto größer wurde unsere Angst." Angst und Entsetzen – dem Sog dieser erschütternden Bilder kann sich keiner entziehen, so menschenverachtend präsentiert sich das moderne China.
Cristina Moles Kaupp

(Yan Mo) Dokumentarfilm, China 2005; Regie, Kamera, Schnitt: Yan Yu, Li Yifan, Chinesisch (Mandarin, Sichuan-Dialekt) mit englischen Untertiteln, Kinostart: 24. November 2005 bei Freunde der Deutschen Kinemathek im Rahmen von Delicatessen

Foto: Verleih


www.fdk-berlin.de/verleih/yanmo/
Mehr über den Film auf der Website des deutschen Verleihs
www.delicatessen.org
Delicatessen digitales Kino
www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database




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