Die titelgebende 8 Mile Road ist die Metapher für das Leben von Marshall Mathers aka Eminem und dessen Charakter Jimmy "Rabbit" Smith in Curtis Hansons White-Trash-/Blue-Collar-Hip-Hop-Musical. Die 8 Mile Road ist die Straße, die das schwarze Ghetto Detroits von der weißen Suburbia trennt, und wie Hip-Hop-Star Eminem lebt auch der blasse Rabbit in "8 Mile" auf der "falschen" Seite. Eminem arbeitet in einer Branche der Unterhaltungsindustrie, in der weiße Künstler immer noch mit dem Makel des "Nicht-Authentischen" leben müssen: Hip-Hop hat von Beginn an von seinem Authentizitätsanspruch gezehrt - auch wenn seine Insignien (ob Uzi oder Adidas-Sneaker) schon früh Teil einer Szenecode-spezifischen Inszenierung gewesen sind.

Eminem hatte Ende der 90er das Identifikationsmodell des Hip-Hop allerdings komplett über den Haufen geworfen: Er, der weiße Underdog, wurde zum erfolgreichsten Hip-Hop-Star aller Zeiten und vollbrachte das seltene Kunststück, Respekt sowohl von einem weißen als auch einem afro-amerikanischen Publikum zu erfahren. "Realness" und "Credibility" sind für diesen Erfolg die wichtigen Eigenschaften, und Eminems Biografie ist der perfekte Text für eine Hip-Hop-Erzählung von Unterdrückung, Widerstand und Selbstermächtigung. Die Ähnlichkeiten zwischen "realem" Popstar und fiktiver Figur sind hier mehr als zufällig.
Neue Paktbildungen
Eminem kann als Identifikationsfigur für ethnische Minderheiten deshalb so gut funktionieren, weil seine Lebenssituation in Amerika, als unterprivilegierter "White Boy" aus dem Trailerpark, auf ähnlichen sozialen Erfahrungsmustern beruht. Der Schulterschluss einer ghettoisierten, schwarzen Community mit dem White-Trash-Proletariat, wie Eminem ihn unter den Bedingungen von Jugendkultur geschafft hat, steht auch im Einklang mit der sozialen Realität, dass die Grenze innerhalb der amerikanischen Klassengesellschaft nicht zwischen Ethnien, sondern entlang einer Einkommens- und Bildungskluft verläuft.
Das ist nicht unwichtig, weil "8 Mile" weniger Hip-Hop-/Musik-Film als Sozialdrama sein will. Es bringt aber auch in der Darstellung der neuen Paktbildungen und ethnischen Verhältnisse in den "Projects" einige Probleme mit sich. Rabbit ist ein kleiner weißer Junge, dessen Leben mit 28 Jahren schon in einer Sackgasse angekommen zu sein scheint. Er hat einen Job am Fließband einer Autofabrik, seine Mutter (Kim Basinger in einer ihrer besten Rollen) lebt mit ihrem viel jüngeren Freund in einem Wohnwagen, wohin auch Rabbit zurückkehrt, nachdem seine Freundin ihn verlassen hat. Seine einzige Chance, diesem Teufelskreis zu entkommen, scheint eine Karriere als Rapper zu sein, worin ihn auch sein Freund und Battle-Host Future bestärkt.
Das Gegenteil von Slim Shady
Aber gleich am Anfang sehen wir Rabbit beim Aufwärmen im Backstageraum in die Ecke kotzen. Als er schließlich auf der Bühne steht, kneift er und verlässt wortlos die Bühne. Rabbit ist das Gegenteil von Eminems Alter Ego Slim Shady, er ist geplagt von Selbstzweifeln und Versagensängsten, seine Wut bricht nicht in ziellosen Attacken aus ihm heraus, sondern ist sehr kontrolliert. Rabbits Traurigkeit - geht man einmal davon aus, dass alle Inkarnationen von Marshall Mathers ab einem gewissen Punkt miteinander verschmelzen - verleiht der anderen fiktiven Figur, dem Hip-Hop-Star Eminem, eine Tiefe, die weit über die Selbstinszenierung des angry young man hinausgeht. Für Eminem ist "8 Mile" ein Glücksfall, vergleichbar mit Ice Cubes Debüt in "Boyz N the Hood".
Eminem will mit "8 Mile" offensichtlich sein Rüpel-Image loswerden, wenn er in der Kaffeepause seinen schwulen Kollegen mit einer bravourösen Freestyle-Attacke verteidigt. Und trotzdem fungieren in "8 Mile" homophobe Stereotypen immer noch als schärfster Abgrenzungsmechanismus, auch für Eminem. Die eigentliche Problematik von "8 Mile" liegt allerdings in der Darstellung des Milieus und dessen sozialer Strukturen. Eminems Selbstermächtigungsanstrengungen sind immer noch gegen einen zahlenmäßig scheinbar haushoch überlegene schwarze Community gerichtet, obwohl in Detroit der weiße Bevölkerungsanteil heute längst weit über dem afro-amerikanischen liegt. Allerdings spielt der Film auch 1995, als die 8 Mile Road als Grenze zwischen schwarzen Projects und weißer Suburbia noch klarer existierte. Jedenfalls kann der Film der Prämisse von Eminems Erfolg noch nicht ganz folgen und errichtet erneut die überwundenen Antagonismen, die Eminem wieder in die Nähe des alten "Rocky"-Mythos stellen. Boxen wie auch Hip-Hop gelten immer noch als typische "schwarze" Erfolgsmodelle, über die Afro-Amerikaner sich ihren sozialen Status in Amerika erkämpfen können. Rocky wie Rabbit, als Vertreter des weißen Subproletariats, versuchen letztlich nichts anderes, als sich dieses Modell selbst zu Nutze zu machen.
Selbstbestimmt zurück ans Fließband
Dass "8 Mile" doch nach den Regeln des Sportfilms (mit der Disziplin "Hip-Hop-Battle") funktionieren muss, nimmt dem Film viel von seiner Überzeugungskraft. Trotzdem ist Rabbits Triumph ein stiller, und am Ende eines fairen Wettkampfes kehrt er wortlos zurück ans Fließband. Der Skepsis gegenüber diesem alten Erfolgsmodell steht immerhin noch sein Stolz auf die Herkunft als unterprivilegierter Underdog gegenüber. Am Ende von "8 Mile" ist es aber, wie üblicherweise in Eminems Texten, keine sarkastische Überaffirmation dieses sozialen Status mehr - irgendwo zwischen trotzigem Aufbäumen und angestauten White-Trash-Frustrationen -, sondern Selbstbestimmung: Eminem als Blue-Collar-Posterboy der amerikanischen Arbeiterklasse.
(8 Mile) USA 2002, Regie: Curtis Hanson, Buch: Scott Silver, mit Eminem, Kim Basinger, Mekhi Phifer, Brittany Murphy, Evan Jones, Omar Benson Miller, Eugene Byrd, De'Angelo Wilson, Taryn Manning, Kinostart: 2. Januar 2003 bei UIP
Foto: Verleih
Andreas Busche schreibt als freier Autor über und für die Kulturindustrie. Zurzeit lebt er in San Francisco, USA.
www.eminem.com
Eminems offizielle Website
www.8-mile.com
Website zum Film (englisch)
movies.uip.de/8mile/
Website zum Film (deutsch)
www.imdb.de
Mehr über den Film in der Internet Movie Database
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