A History of Violence

Gewalt-Diskurs

Kinostart: 13.10.2005 | Andreas Busche | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Seit 20 Jahren bewegt sich David Cronenberg zwischen den ästhetischen Formen des Mainstream-Kinos ("Die Fliege", "M. Butterfly", "Crash") und des psychotronischen Films ("eXistenZ", "Naked Lunch"): Körpermetamorphosen, Schizophrenie, Mensch-/Technik-Mutationen sind immer wiederkehrende Themen in Cronenbergs Repertoire. Ein sehr spezielles Œuvre, das ihm eine treue Fangemeinde zwischen Arthaus-Kino und Kultkino beschert hat. Mit "A History of Violence" hat Cronenberg die Gräben zwischen Mainstream und seinem unvergleichlichen "Körperkino" endgültig geschlossen. Hartnäckige Fans werden diesen Film als kommerzielles Zugeständnis verstehen; zu slick sind die Bilder, zu heil diese Welt, zu gradlinig die Geschichte. Tatsächlich ist es vielleicht Cronenbergs entschlossenste Umsetzung seiner bekannten Motive. Zugeschnitten auf ein Mainstream-Publikum, aber im Kern der alte Cronenberg: Eine kalte, mitunter spöttische Distanz zeichnet den Film aus, eine psychologische Ambivalenz, die die Zuschauenden ein ums andere Mal böse auflaufen lässt.
Die Stalls sind eine Bilderbuch-Familie in Provinz-Amerika. Tom (Viggo Mortensen) betreibt ein kleines Diner, seine Frau Edie (Maria Bello) ist Anwältin. Ihre zwei Kinder sind makellos hübsch, wie im Computer generiert. Diese heile Kleinstadt-Welt spielt Cronenberg etwa eine halbe Stunde in allen Klischees durch. Alles ist nett und auch ein bisschen langweilig. Bis zwei Gangster Toms Diner überfallen und der in einer Reflexhandlung die beiden Psychopathen aufs Übelste liquidiert. Er wird zum Helden der Stunde, die lokale Presse fährt vor, dann die nationale, und irgendwann kommen Männer in schwarzen Anzügen und Sonnenbrillen (unter anderem Ed Harris mit beeindruckender Narbe) nach Millbrook, Indiana, dieser "guten Stadt mit guten Bürgern". Sie behaupten, dass Tom nicht der sei, der er vorgibt zu sein.

So glatt wie die Oberfläche eben noch schien, so ambivalent verschraubt sind die moralischen Implikationen, die darunter zu Tage treten. Cronenbergs Film entwickelt den bisher konsequentesten Gewalt-Diskurs in Filmform: weniger moralisierend als Michael Haneke und Wim Wenders ("Am Ende der Gewalt"), direkter als Oliver Stone ("Natural Born Killers"), weniger spekulativ als Gaspar Noé ("Irreversibel"). Cronenberg interessiert sich nicht für Antworten, die wir bereits zu kennen meinen. Er lockt uns aus der Reserve.
Andreas Busche

(A History of Violence) USA 2005, Regie: David Cronenberg, Buch: Josh Olson nach dem Comic von John Wagner und Vince Locke, mit Viggo Mortensen, Maria Bello, William Hurt, Ed Harris, Ashton Holmes, Heidi Hayes, Stephen McHattie, Greg Bryk, Peter MacNeill, Kyle Schmid, Sumela Kay, Kinostart: 13. Oktober 2005 bei Warner

Foto: Verleih


www.historyofviolence.com/
Website zum Film (englisch)

wwws.warnerbros.de/historyofviolence/
Website zum Film (deutsch)

www.german.imdb.com/title/tt0399146/
Infos zum Film in der Internet Movie Database

www.filmz.de/film_2005/a_history_of_violence/links.htm
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