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Durchfahrtsland

Leben zwischen den Städten

 sterne

Nana A. T. Rebhan | Kinostart: 15.9.2005


"Wie sieht eigentlich das Leben in der deutschen Provinz aus?", hat sich die Regisseurin Alexandra Sell gefragt, als sie in London Film studierte. Für ihren ersten Dokumentarfilm hatte sie die englische Provinz auf den Spuren dreier AVON-Beraterinnen bereist. In England war sie nicht die Erste, die das Leben jenseits der Städte filmisch erforschte. Ken Loach etwa oder sein Kollege Mike Leigh widmen sich seit Jahrzehnten in ihren stark realistischen Spielfilmen dem britischen Leben in seiner Ganzheit – egal ob in der Stadt oder auf dem Land. In Großbritannien merkte Alexandra Sell, wie wenig sie über ihr eigenes Land wusste, "und wie schüchtern ich war, wenn ich danach gefragt wurde. Besonders fremd war mir Deutschland zwischen den großen Städten, jenseits des aktuellen Tagesgeschehens. So entstand der Wunsch, einen Film über die deutsche Provinz zu machen."

Wo die Fremde beginnt

Zurück in Deutschland zog sie nach Köln und begann mit der Straßenbahn und dem Fahrrad, Ausflüge ins Vorgebirge zu machen – also jenen Siedlungsstreifen zwischen Köln und Bonn zu besuchen, der im Speckgürtel der beiden Städte liegt und dessen Leben ihr so fremd erschien. "Es war mir wichtig, direkt vor meiner eigenen Haustür auf die Suche zu gehen, nach der These: Das Fremde beginnt gleich nebenan." So zog die Filmemacherin los, fast wie eine Ethnografin, die einen seltenen, fremden Stamm untersuchen will. Ihre Kamera blieb dabei stets in respektvoller Distanz, um nicht nur den jeweiligen Menschen, sondern auch seinen Lebensraum zu zeigen.

Aus dieser Neugier heraus entstanden vier Porträts sehr unterschiedlicher Bewohner des Vorgebirges, die eines gemeinsam haben: Sie müssen um ihren Platz in der kleinen dörflichen Gesellschaft kämpfen. Da gibt es den Pfarrer Hans Wilhelm Dümmer, der in zwei miteinander verfeindeten Gemeinden tätig ist; die Krimiautorin Sophia Rey, die ihre Romane im Eigenverlag vertreibt; den italienischstämmigen Guiseppe Scolaro, der kein Italienisch spricht und 30 Kilogramm abnimmt, um Soldat werden zu können, und den Abiturienten Mark Basinsky, der vom Modestudium in Mailand träumt und schließlich doch dem Junggesellenverein seines Dorfes beigetreten ist, wo er in der grölenden Menge ganz verloren wirkt.

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Geschichten aus dem wirklichen Leben

"Genau wusste niemand, warum das Vorgebirge Vorgebirge hieß, denn das Gebirge dahinter fehlte", erzählt eine sich fast einschmeichelnde Off-Stimme. Sie gehört der Filmemacherin selbst, die mit "Durchfahrtsland" Ungewöhnliches wagt: Sie hat einen sehr verdichteten, märchenhaften Text geschrieben, der bisweilen den Darstellern das eigene Wort raubt und sich wie ein auktorialer Erzähler des Geschehens bemächtigt.

Das ist zwar ungewöhnlich für einen Dokumentarfilm, aber es funktioniert erstaunlich gut. Diese Stimme bedingt auch den Zauber des Films, der darauf besteht, "kein Märchen, sondern ein Dokumentarfilm über das wirkliche Leben zu sein". Erzählerstimmen haben Tradition im deutschen Film, sind aber etwas in Vergessenheit geraten. Alexander Kluge etwa bediente sich in den 1970er-Jahren gerne der allwissenden Erzählerstimme, die seinen puzzleartigen, teils dokumentarischen Spielfilmen eine ganz eigene Aura verlieh. Die kühle, neutralisierend wirkende elektronische Musik von Kreidler unterstützt in "Durchfahrtsland" den Effekt der Beobachtung von außen.

Bisweilen verrät uns die allwissende Erzählerstimme auch kleine Geheimnisse. Stets hat sie dabei diesen feinen ironischen Ton, der sich aber dennoch nicht über die Protagonisten lustig macht – eine gefährliche, aber gelungene Gratwanderung. Als Mark einmal über seine Auffassung moderner Kunst spricht, werden seine Worte ausgeblendet und die Erzählerin verrät uns, dass Mark bereits einen Druck in der Brust spürt, der sich später als Rippenfellentzündung erweisen wird. Manchmal ist der sensible Junge dem Druck nicht gewachsen, der von außen auf ihn eindringt. So will es die geforderte Konformität etwa auch, dass er gemeinsam mit den Junggesellen seines Vereins saufend die Mainacht durchmacht – obwohl er doch krank ist und viel lieber schlafen würde. Nach 8 Stunden und 14 Minuten gibt er im frühen Morgengrauen auf.

Leben in parallelen Welten

Vor allem durch den Off-Kommentar werden die Zuschauer/innen in die Entwicklung der Handlungen eingebunden. Wie wird es zum Beispiel weitergehen mit Mark Basinsky? Wird er sein gespartes Geld in eine Reise nach Australien investieren oder sich eine Stereoanlage davon kaufen? Es ist fast enttäuschend, als wir die Stereoanlage sehen. Da rückt auch schon sein ersehntes Leben in Mailand in weite Ferne. Stattdessen sucht und findet er einen Studienplatz in Köln. Kein Modedesign zwar, aber immerhin etwas mit Design. Doch es fällt ihm schwer, sich an das Studentendasein in der Stadt zu gewöhnen. Nach den Vorlesungen fährt er brav nach Hause. Für die Menschen aus dem Vorgebirge scheint es sehr schwer zu sein, von zu Hause wegzugehen.

"Durchfahrtsland" beschreibt ein Stück Land, das die meisten Menschen nur passieren. Die wenigsten bleiben. Doch für die wenigen Bewohner ist es ihr Lebensmittelpunkt. Köln ist nicht fern, die Domspitze fast von überall im Vorgebirge aus sichtbar – und doch ist es eine Parallelwelt, die uns Alexandra Sell hier vor Augen führt. Für eingefleischte Stadtmenschen muss ein Leben, wie Mark und die anderen es führen, unerträglich erscheinen – umso mehr, nachdem sie den Film gesehen haben. Es ist jedoch ein großer Verdienst der Filmemacherin, diese originellen Einblicke zu gewähren. Sicher sind die Geschichten aus "Durchfahrtland" nicht allgemeingültig für das Leben in der deutschen Provinz – in Mecklenburg-Vorpommern wird es anders sein als im Vorgebirge – , doch die Strukturen ähneln sich. Und der Film macht deutlich: Jeder muss selbst entscheiden, wo er hingehört. Die Krimiautorin Sophia Rey würde nie das Vorgebirge verlassen, auch wenn ihre Nachbarn ihre Bücher "boykottieren". Ihr Traumhaus aber würde sie nicht etwa in der Toskana errichten, sondern auf einem Hang mit Blick auf ihr Heimatdorf. Selbst Menschen, die ganz bewusst die Stadt als Lebensraum gewählt haben, nimmt der Film durch seine Poesie und seinen gleichzeitigen Realitätsanspruch gefangen – und er hilft nicht zuletzt dabei, das Land, in dem wir alle leben, ein wenig besser verstehen zu lernen.

Durchfahrtsland, Deutschland 2005, Buch und Regie: Alexandra Sell, mit Hans Wilhelm Dümmer, Sophia Rey, Mark Basinsky, Giuseppe Scolaro, Kinostart: 15. September 2005 bei Real Fiction

Foto: Verleih

Nana A.T. Rebhan ist freie Journalistin in Berlin.

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www.realfictionfilme.de
Mehr über den Film auf der Website des deutschen Verleihs

www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database

www.filmz.de
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