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Independent forever

Ein Porträt über Jim Jarmusch

 sterne

Ula Brunner | 7.9.2005


Die Szene könnte aus einem seiner Filme stammen, so beiläufig entwickelt sich die erste Begegnung zwischen Kultregisseur und Darsteller: Irgendwo in der Upper West Side, New York. Silberfuchs Jarmusch (unverwechselbar - diese Frisur!), kommt gerade aus dem Kino, als ihm zufällig Bill Murray über den Weg läuft. Man erkennt sich und plaudert bei einer Tasse Kaffee über dies und das, nichts Bestimmtes und schon gar nicht über einen gemeinsamen Film. "Wahrscheinlich", sagt Jarmusch über sich, "ist mein ganzer Rhythmus etwas langsamer als üblich. Was mich interessiert, das sind die Momente zwischen den wirklichen Ereignissen."
Jahre später. Jarmusch fragt Murray, ob er Lust habe, zusammen mit RZA und GZA, den Frontmännern der HipHopper vom Wu-Tang-Clan, in einer Episode von "Coffee and Cigarettes" (2003) mitzuwirken, einem Kompilationsfilm über das, was während einer Zigarettenlänge oder Kaffeepause alles so geschieht. Oder auch nicht. Murrays erstarrte Mimik, in der schon das Zucken einer Augenbraue Pointen setzt, macht ihn, ähnlich wie Depp oder Lurie, zum typischen Jarmusch-Helden. Ob Barkeeper, Punk, Zuhälter, Taxifahrer, Revolverheld oder Samurai, sie sind lässige, kauzige Typen. Cool mit einem Hang zur Melancholie. Das macht es leicht, sie zu mögen.

Lässige Typen

52 Jahre alt ist Jarmusch, der ungekrönte König des Independent-Kinos. Zehn Langfilme hat er bislang gedreht. Der Mann nimmt sich Zeit. Zwischen den Filmen und in ihnen. Mit träger Gelassenheit setzten sich seine Geschichten in Gang, um mit einem Fragezeichen zu enden und in unseren Köpfen weiterzulaufen. Jazzige Schwarzweißstücke wie "Stranger Than Paradise" (1984) oder "Down By Law" von 1986 aus der Post-Punk-Ära der 1980er-Jahre sind schillernde Episodenfilme. Seine Streifen spielen in den USA, unterscheiden sich jedoch so gründlich vom Mainstream, dass die dortige Kritik gerne von "in Amerika gedrehten ausländischen Filmen" spricht. Ihn stört das nicht, im Gegenteil. Vorbehaltlos verrührt der Mann Musikstile, Kulturen und Genres: " 'Dead Man' (1995) war ein Western und 'Ghost Dog' (1999) ist ein Samurai-, Gangster-, HipHop-, Eastern-Western."

Jazzige Kultstreifen

"Ich liebe Variationen", bekennt Jarmusch und so unterschiedlich seine Filme sein mögen, so ähnlich sind sie sich im Thema. Rhythmische, atmosphärisch stimmige Vignetten von Entfremdung und Sehnsucht, unterhaltsam dank makelloser Bildkomposition, untergründigem Humor und exklusiver Besetzung: Johnny Depp, Wynona Rider, Roberto Benigni, Neil Young, immer wieder dabei sind auch John Lurie, Tom Waits oder Iggy Pop.

Früh schon hat Jarmusch die Avantgarde der New Yorker Musikszene als Darsteller (und Komponisten) in sein Kino geholt, Musik und Film aufs engste verschränkt. Entsprechend lesen sich die Credits wie die Gästeliste einer HipHop-Party, dabei sind die meisten schlichtweg langjährige Freunde des Regisseurs.

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New Yorker Clubszene

Kaum einer bringt die Aura urbaner Boheme so stimmig auf die Leinwand wie dieser Wahl-New-Yorker, der in einem künstlerisch zurückgebliebenen Provinznest in Ohio groß wurde. Mit 17 zieht es ihn nach New York, er spielt Gitarre in Bands mit Namen wie "The Lone Rangers", bevor er sich aufs Filmemachen verlegt. In den angesagten Clubs tauscht er sich mit Filmern und Musikern der Independent-Szene aus. Er will weg vom Hollywood-Mainstream, originär sein, gleichzeitig aber ein großes Publikum erreichen. Künstlerisches Vorbild der ambitionierten Autorenfilmer, zu denen sich neben Jarmusch und seiner Lebensgefährtin Sara Driver auch Amos Poe oder Eric Mitchell zählen, ist Wim Wenders. Ihn lernt Jarmusch noch während seines Filmstudiums kennen. Für Wenders "Der Stand der Dinge" ,1982, schreibt Jarmusch die Filmmusik, Wim wiederum greift dem jungen Kollegen mit 40 Minuten unbelichtetem Schwarzweißfilm unter die Arme. Davon dreht Jarmusch 1982 "The New World", den ersten Teil seiner Trilogie "Stranger Than Paradise" von 1984. Der Kultstreifen mit John Lurie gewinnt als erster unabhängig produzierter Film auf Anhieb die "Goldene Palme" in Cannes. Mit Filmpreisen überhäuft avanciert Jarmusch über Nacht zur Galionsfigur des amerikanischen Independent Kinos.

Indie-Label

Das ist er immer noch. Obwohl er das Wort "Independent" inzwischen nur noch als "Label" empfindet, "mit dem sich ein Film besser verkauft. Ich lasse mir von der geschäftlichen Seite nicht diktieren, wie ich arbeiten soll. So definiere ich Unabhängigkeit." Deswegen bewegt sich Jarmusch finanziell gerne im unteren Bereich und schert sich einen Deut darum, seine Erfolge als Sprungbrett für eine Hollywoodkarriere zu nutzen. Die meisten Produktionsgelder stammen aus europäischen Geldtöpfen, nicht zuletzt, weil sich jenseits des Pazifiks seine wahre Fangemeinde befindet. Immer besteht er erfolgreich auf den Final Cut, der Kontrolle über die Endfassung, auch bei dem jetzt bei uns anlaufenden Film "Broken Flowers", der von Focus Features, einer Tochterfirma von Universal, produziert wurde. Jarmusch: "Ich mache diese Filme nicht wegen des Geldes, denn wenn ich das täte, warum sollte ich gerade diese Art von Filmen machen?"

Absolut stilecht

Persönlich wie filmisch ist sich Jarmusch treu geblieben. Zu treu, finden manche. Noch immer der gleiche Peroxyd-Frisurenlook und die schwarzen Klamotten, immer noch ein Ramones- und HipHop-Fan. Nur seinen Lebensmittelpunkt hat er inzwischen von New York in ein Häuschen in den Catskill Mountains verlegt hat. Man wird halt älter. Auch seine Helden haben sich wenig verändert. Dieser ausgebrannte Ex-Womanizer Don Johnston, den der brillante Murray gerade in "Broken Flowers" gibt, könnte problemlos als älteres Alter Ego des jungen Punk Allie in Jarmuschs Debut "Permanent Vacation" von 1980 durchgehen. Natürlich weniger hip. Ganz klar, die Wiederholung ist der heimliche Feind der Variation. Aber auch das interessiert Jarmusch wenig. Wenn er künstlerisch ein wenig auf der Stelle tritt, ist das sicher seinem persönlichen Stil geschuldet. Und den finden manche immer noch verdammt gut.

Ula Brunner schrieb ihre Magisterarbeit über den Regisseur Jim Jarmusch.

Foto: "Jim Jarmusch & Bill Murray - Broken Flowers" / © Verleih

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www.imdb.com/name/nm0000464/
Mehr zu Jim Jarmusch auf der Website der IMDb

www.brokenflowersmovie.com/home.html
Website zum neuesten Film von Jim Jarmusch, "Broken Flowers"

www.nytrash.com/deadman/

Auszug aus dem New York Trash Magazine zu Jim Jarmusch und seinem Film "Dead Man"



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