Das wandelnde Schloss

Wunderschön altmodisch

Kinostart: 25.8.2005 | Ingrid Arnold | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Das wandelnde Schloss des Zauberers Hauro wandelt gar nicht – es stapft, eiert und schlingert über sattgrüne Wiesen und durch neblig-düstere Welten. Durch eine Verkettung sonderbarer Geschehnisse ist die selbst ernannte Putzfrau Sophie dort hineingeraten. Einen Tag zuvor lebte Sophie nämlich noch als junge Hutmacherin in einem adretten Städtchen, wo sie dem hübschen und scheinbar alterslosen Hauro begegnete, der sie in den engen Gassen vor der Anmache fieser Soldaten und vor schwarzen Geistern rettete. Doch dann verwandelte die Hexe aus dem Niemandsland Sophie aus Eifersucht in eine Greisin.

Das junge Mädchen im Körper einer alten Frau macht sich auf die Suche nach der "Witch of the Waste", wie die Hexe im Original heißt (der Name ist durchaus nicht die einzige Referenz an den "Zauberer von Oz") und die den Fluch ungeschehen machen soll. Auf ihrer Reise begegnet Sophie nicht nur einer Vogelscheuche (!) und einem Spionagehund. Das Schloss, in dem sie schließlich gelandet ist, erweist sich auch als eine Welt mit eigenen Regeln. So kann sie es nur verlassen, wenn an der Eingangstür nicht gerade das schwarze Viertel der Navigationsscheibe ausgewählt ist, das mit der düstersten der vier Identitäten des Hausherrn Hauro korrespondiert. Der hat zwar durchaus seine liebenswerten Momente, flüchtet aber auch ständig vor ehemaligen Verehrerinnen und jeglicher Verantwortung und ist zudem – nach einem faustischen Pakt mit der Dampfmaschine des Schlosses, dem Feuerdämon Calcifer – im Wortsinn herzlos.

Zurück zu den Anfängen

Was für ein Trip! Ohne das Happy End in einer Glaskugel wäre es schwierig, wieder in die Wirklichkeit und unsere Gegenwart zurückzufinden. Denn "Das wandelnde Schloss" ist nicht nur ein überbordend einfallsreiches Fantasy-Märchen, ständig in Bewegung und voller übermenschlicher und allzu menschlicher Veränderungen. Der Film ist auch ein im besten Sinn traditioneller Anime: Die Hintergründe sind prächtige Gemälde. Und die Figuren sehen, in einem liebevollen Retro-Look (der besonders die Frisuren betrifft; dazu am Ende des Films ein echter Brüller) aus wie in den 1970er-Jahren geschaffen, der ersten Hochphase des japanischen Zeichentrickfilms.

Die Vorlage ist in diesem Fall etwas jünger – und auch durch und durch europäisch, englisch, um genau zu sein: Sie stammt aus demselben Kosmos wie "Harry Potter" oder "Der Herr der Ringe". 1986 erschienen, ist der Roman "Howl's Moving Castle", auf Deutsch unter dem Titel "Sophie im Schloss des Zauberers" veröffentlicht, der britischen Fantasy-Autorin Diana Wynne Jones längst ein Klassiker der Kinderliteratur. Studiert hat Wynne Jones unter anderem bei J.R.R. Tolkien und C.S. Lewis – dessen christliches Epos "Die Chroniken von Narnia" unsere Kinos noch in diesem Winter als Disney-Spielfilm heimsuchen wird.
So hätte es also gut passieren können, dass sich Disney & Co. Sophies Welt annehmen. Doch da war das Studio Ghibli schneller und sein bekanntester und erfolgreichster Regisseur Hayao Miyazaki, einer der Väter des japanischen Animationsfilms. Miyazaki begann seine Filmkarriere als Zeichner bei den "Godzilla"-Erfindern von Studio Toei. Ab 1974 arbeitete er unter anderem bei der legendären Zeichentrickserie "Heidi" für Nippon Animation mit, aus deren Haus auch "Pinoccio" oder "Biene Maja" stammen. 1985 schließlich gründete er das Studio Ghibli, das 1997 sein erstes Meisterwerk "Prinzessin Mononoke" produzierte und 2001 den Oscar- und Berlinale-Gewinner "Chihiros Reise ins Zauberland".

Heidi-Land made in Japan

Anders als die letzten, deutlich in der japanischen Kultur verankerten Ghibli-Produktionen beginnt "Das wandelnde Schloss" in einer Art Heidi-Land. Die Fachwerkhäuser und Korsetts sind pures Biedermeier. Und das schnaubende, stampfende Schloss steht für das bald ausrangierte vorindustrielle 19. Jahrhundert. Dennoch scheint es eine der vornehmsten Aufgaben des "Schlosses" zu sein, keine Einordung zu erlauben. Angeblich befinden wir uns im Elsass. Warum tragen dann die Geschäfte englische Namen? Ist das der literarischen Vorlage geschuldet oder den Erfordernissen des Weltmarkts? Jedenfalls bleibt der Ort ähnlich bekannt-fremd wie die "indischen Alpen" im Bollywood-Kino. Und es herrscht Krieg, aber ist es nicht zu früh für den Ersten Weltkrieg? So ist auch eine zeitliche Verortung nicht vorgesehen: Die mechanische Retrotechnik erinnert an den in den 1940er-Jahren angesiedelten Film "Sky Captain and the World of Tomorrow" oder an "Die Unglaublichen - The Incredibles". Doch wo hat man je so einen detailverliebten Jahrhundertwende-Futurismus gesehen, mit Luftschiffen im Krieg zwischen Kleinstaaten?

Dennoch droht keine Europäisierung japanischer Animationsfilmkunst. Dem steht nicht zuletzt die selbstverständliche Anwesenheit von Geistern entgegen. Dieses Mal treten sie allerdings nicht so Edward-Munch- oder "Scream"-mäßig in Erscheinung wie in "Chihiro“ und schon gar nicht so niedlich wie die kleinen transparenten Baumgeister aus "Mononoke". Auch wurde in "Das wandelnde Schloss" aus dem lautmalerisch-nächtlichen Howl im englischen Original ein japanischer Hauro – während andere europäische Namen wiederum nicht nur beibehalten, sondern sogar deutlich ins kontinentale Europa verfrachtet werden: Ein Junge namens Markl gewinnt in der leicht österreichischen Aussprache von Sunnyi Melles, der deutschen Stimme der – alten und jungen – Sophie, so noch zusätzlich an Charme. Doch bei so einem Wunderwerk an dieser Stelle weiter über Marketingstrategien nachzudenken, verbietet sich irgendwie.

(Hauru no ugoku shiro) Animationsfilm, Japan 2004, Buch und Regie: Hayao Miyazaki nach dem Roman "Sophie im Schloss des Zauberers" von Diana Wynne Jones, Kinostart: 25. August 2005 bei Universum

Foto: Verleih

Ingrid Arnold ist Journalistin und lebt in Berlin.


www.howl-movie.com
Website zum Film (japanisch)

www.das-wandelnde-schloss.de
Website zum Film (deutsch)

www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database

www.filmz.de
Mehr Artikel zum Film

www.ntv.co.jp/ghibli
Website von Studio Ghibli (japanisch)




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