Internationaler Blick: 11'09''01 - September 11

Ein Film von elf Regisseurinnen und Regisseuren

Kinostart: 28.11.2002 | Susanne Gupta | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Nahe Ground Zero nimmt eine taubstumme Frau gerade Abschied von ihrem Geliebten, als die Zwillingstürme einstürzen. Ein Kriegsveteran aus Japan will kein Mensch mehr sein und windet sich lieber wie eine Schlange am Boden, während afrikanische Kinder Jagd auf Osama Bin Laden machen. "11'09''01 - September 11" ist das erste Filmkunstwerk, in dem elf Regisseurinnen und Regisseure aus elf Ländern die Terroranschläge von New York aus persönlicher Sicht verarbeitet haben. Es war die Idee Alain Brigands, dem monströsen Ereignis und den Fernsehbildern des "War against Terror" mit einer künstlerischen Vision zu begegnen. Der französische Produzent stellte den Autoren allein die Bedingung, die Filme sollten 11 Minuten, 9 Sekunden und 1 Bild lang sein. Entstanden ist ein Dokument von so unterschiedlicher Machart wie Qualität, das für viel Diskussionsstoff sorgt.

Gleich zur Premiere, die am Jahrestag der Anschläge in Toronto stattfand, gaben einige Kritiker vernichtende Urteile ab. Das US-Unterhaltungsmagazin "Variety" verteufelte den Film pauschal als "antiamerikanisch" und die liberale "New York Post" setzte eins drauf, der Film verteidigte den Terrorismus. Vorwürfe, die beim genauen Hinsehen unhaltbar sind. Es stimmt, "11'09''01 - September 11" lässt harte Selbstkritik vermissen aus den Ländern, in denen der Islamismus Wurzeln schlagen konnte, zum Beispiel Ägypten. In die Kritik geriet deshalb unter anderem der Beitrag von Youssef Chahine. Darin erträumt ein Filmemacher die Begegnung mit einem US-Soldaten und seinem Mörder, einem palästinensischen Selbstmordattentäter, in Beirut. Er sucht Verständnis für die Motive beider Seiten, bemüht dabei aber arg schematisierte Argumente. Die "Besatzung Palästinas" durch Israel und die Totenstatistik von Hiroshima und Vietnam müssen herhalten, um die Imperialmacht Amerika anzuklagen.

... an einem anderen 11. September

Mutig, ironischer und differenziert wirkt dagegen der Kurzfilm des Briten Ken Loach, auch wenn er längst bekannte Tatsachen ins Gedächtnis ruft. Im Londoner Exil schreibt ein Chilene voller Mitgefühl einen Brief an die New Yorker Opfer. In Bildern zieht der Terror an ihm vorbei, der an einem anderen 11. September den Himmel Chiles verdunkelte. Die historische Parallele straft George W. Bushs Worte "Feinde der Freiheit haben unser Land angegriffen" Lügen. Loach entlarvt die zynische Wahrheit, dass die von den USA viel beschworene Freiheit nur gilt, solange dies ihren Interessen nützt. 1973 wurde Salvador Allendes demokratisch gewählte, sozialistische Regierung mit Hilfe des damaligen US-Präsidenten Richard Nixon und dessen Außenministers Henry Kissinger weggeputscht. Diktator Augusto Pinochet kam an die Macht, 30.000 Menschen wurden verschleppt, auf grausamste Weise gefoltert und ermordet. Kein Grund für Außenminister Kissinger, sich nicht beim freundlichen Shakehands mit Massenmördern ablichten zu lassen.
Um zu schnelles Vergessen dreht sich auch der bosnische Film. Danis Tanovic zeigt, wie die Frauen in Srebrenica, die am 11. jeden Monats gegen die Verbrechen ethnischer Säuberung demonstrieren, am Tag der New Yorker Katastrophe reagieren. Ebenso wie diese Frauen wünschen sich ein paar Jungen, dass ein afrikanisches Menschenleben die gleiche Aufmerksamkeit erfährt wie ein toter Amerikaner: In dem amüsanten Beitrag von Idrissa Ouedraogo aus Burkina Faso haben Kinder vermeintlich Bin Laden erkannt. Sie setzten alles dran, ihn zu fangen, um die sagenhafte Belohnung in US-Dollars einzustreichen.


"Viele Menschen reden über den 11. September, doch nur wenige führen die Ereignisse auf die Diskrepanz zwischen der entwickelten und unterentwickelten Welt zurück. Die Armen ertrinken in ihrer Armut und die Reichen im Meer ihres Reichtums. Niemand überlegt sich, dass diese Diskrepanz ... einem Sturm auslösen könnte", sagt Samira Makhmalbaf. In ihrem berührenden Film versucht eine Lehrerin irgendwo im Iran an der Grenze zu Afghanistan Flüchtlingskindern die New Yorker Tragödie zu erklären. Die Kinder streiten, ob Gott "so verrückt" ist, Menschen zu töten, und ob er Flugzeuge besitzt. So klug ihre Fragen sind, vom 11. September kapieren sie gar nichts. Die iranische Regisseurin sagt viel über die Macht der globalisierten Bilder aus. Mussten 2,5 Millionen Afghanen sterben, weil keine Kamera dabei war? In Israel dagegen werden auf alle Opfer die Kameras gehalten. Amos Gitaï steigert deshalb in seinem Beitrag die Jagd einer Reporterin nach dem "aktuellen Bild" zur Absurdität.

Suggestive Toncollage

Ist für den französischen Altmeister Claude Lelouch Schweigen die Antwort auf das Mediengetöse - er malt aus, wie eine Taubstumme den Tag X erlebt - so hat Alejandro González Iñárritu das Thema am radikalsten aufgelöst. Die Leinwand bleibt schwarz bis auf ein blitzlichtartig projiziertes Bild von Menschen, die sich aus dem World Trade Center stürzen. Aus Trauer-Gebeten von Indios und Ton-Fetzen aus dem Fernsehen und von Anrufbeantwortern "Oh God..." und "Honey, I love you. We're having a little trouble on the plane...", montiert der Mexikaner eine suggestive Toncollage. Am Ende erstrahlt die Leinwand weiß, vor der sich die Frage abhebt "Macht uns das Licht Gottes blind oder führt es uns?"


Blind geworden ist auch der Mann in Sean Penns Film. Vereinsamt lebt ein alter Witwer in seine Privatwelt versunken im Schatten der Türme. Als sie stürzen, fällt Licht in seine Wohnung ein, was wie ein plötzliches Erwachen ist. Die Botschaft der Episode ist mehrdeutig: Sind die Amerikaner so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass erst etwas so Schreckliches passieren musste, damit sie aufwachen? Hofft der Autor auf mehr Engagement und kritische Verantwortungsübernahme der Bürger für die Politik ihres Landes? Die Inderin Mira zeigt, wohin blinder Patriotismus führt, indem sie die wahre Geschichte eines Muslims aufrollt, der erst als Terrorist verurteilt, schließlich zum amerikanischen Hero wird. "11'09'''01 - September 11" stellt viele Fragen, auch an die Supermacht USA, deshalb ist es besonders schade, dass der Film dort bis heute nach einen Verleih sucht.

(11'09''01 - September 11) Großbritannien, Frankreich 2002, Regie: Samira Makhmalbaf, Claude Lelouch, Youssef Chahine, Danis Tanovic, Idrissa Ouedraogo, Ken Loach, Alejandro González Iñárritu, Amos Gitaï, Mira Nair, Sean Penn, Shohei Imamura, OmU, Kinostart: 28. November 2002 bei Movienet

Foto: Verleih

Susanne Gupta ist freie Autorin für Radio, TV, Print und Web. Sie lebt und arbeitet in Berlin und Indien.


www.bacfilms.com/september11/
Website zum Film (französisch)
www.kinofenster.de
"11'09'01 - September 11" ist Film des Monats Dezember bei "Kinofenster"
www.movienetfilm.de/11_09_01/
Infos zum Film auf der Website des deutschen Verleihs
www.imdb.de
Mehr über den Film in der Internet Movie Database




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