Anfang der Sechziger: Die Amatos ziehen aus ihrem sonnigen italienischen Dorf ins schmuddelige Duisburg. Maloche steht an, verregnete Tage in einer Endloskette, Tristesse pur in der grauen Stadt mit den abweisenden Menschen. Einzig der heiße Teller Spaghetti und das Rot der Tomatensoße wärmen die Erinnerung an Freude im Leben. Doch im Rezept steckt die Idee: "Solino" heißt jetzt die erste Pizzeria im Ruhrgebiet. Der Laden brummt. Kohlengrube und Nässe sind vergessen, drinnen bei den Amatos ist es warm und lecker. Der Vater schäkert mit den Damen, Mutter steht im Küchenkeller und kocht und rührt und walkt den Pizzateig. Sie schuftet sich zu Tode. Die Flucht in die Krankheit führt sie wieder nach Hause - zum Sterben. Ihre Geschichte der Heimatlosigkeit und des Verstummens in die Sprachlosigkeit - sie hat nie deutsch lernen wollen - ist die Geschichte von Millionen von Migrantinnen in der kalten BRD der Gastarbeiterjahre.
Ihre beiden Jungs, Giancarlo und Gigi, pubertieren heftig und geben sich ihren Gockelkämpfen hin. Die Moden wechseln, der Hosenschlag wird mal breit, mal schmal, die ersten Mädchen werden geküsst - und der Film driftet weiter in die 80er-Jahre zwischen selbst gestrickten Hippiepullis und den sattsam bekannten WG-Drogenexzessen. In diesem Bruderzwist verliert sich dann auch Fatih Akin. Der Regisseur malt mit teilweise übersatten Farben ein Familienepos auf die Leinwand, das mit italienischer Lebenslust gegen die deutsche Deprilaune der kommenden Wintertage ein manchmal zu buntes Allerlei bietet.
Silke Kettelhake
D 2002, Regie: Fatih Akin, Buch: Ruth Toma, mit Moritz Bleibtreu, Barnaby Metschurat, Moritz Bleibtreu, Barnaby Metschurat, Antonella Attili, Gigi Savoia, Patrycia Ziolkowska, Kinostart: 7. November 2002 bei X-Verleih
Foto: Verleih
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