Eine Szene irgendwo nachts auf einer Straße von Los Angeles: Zwei weiße Polizisten stoppen einen Wagen, weil das vergnügte Paar darin etwas getan hat, was man beim Autofahren auf keinen Fall tun sollte. Der Fahrer ist ein schwarzer Fernsehregisseur. Die Frau ist auch schwarz, sieht aber von weitem – und das ist zum Verständnis der Szene unglaublich wichtig – aus wie eine Weiße. Der ältere Polizist fordert sie zum Aussteigen auf, beide müssen die Hände aufs Autodach legen. Es ist die reine Schikane. Bei der überflüssigen Durchsuchung greift der Polizist der jungen Frau zwischen die Beine. Er will den schwarzen Mann demütigen, und genau das wird er auch erreichen.
Aus Geschichten dieser Art machen andere Regisseure ordentliche Filme. Sie geht auch noch weiter. Der Fernsehfilmer muss vor seiner Frau verantworten, dass er machtlos war, als es darauf ankam. Oder doch feige? Der jüngere Polizist wird sich nicht trauen, seinen rassistischen Partner beim L.A.P.D. anzuschwärzen. Und so fort. Aber für Paul Haggis ist diese Geschichte nur eine Episode unter vielen, die schon jede für sich mehr sind als bloß eine gute Idee. Zusammen ergeben sie das komplexe Bild einer Stadt oder eines Landes, das an allen Ecken und Enden auseinander zu fallen droht. Nicht immer wirken sie so bedrückend. Manche sind sogar richtig komisch. Aber immer geht es dabei um Rassismus.
Rassenkrach
Ein Perser will seinen Laden verteidigen und muss sich vom Waffenhändler als "Osama" ansprechen lassen. Ein Detective hält seine Partnerin für eine Mexikanerin, weil er in den Nächten mit ihr kaum mehr über sie erfahren hat als ihre Hautfarbe. Ein Politiker will vor der Wahl einem Schwarzen einen Orden verleihen, nur fürs Foto; dummerweise ist der Mann Iraker und heißt Saddam. Zwei schwarze Buddies lamentieren über den Rassismus in weißen Ausgehvierteln, wo man gemeinerweise alle Schwarzen für Gangster hält, zücken ihre Knarren und berauben den Politiker auf offener Straße seines Automobils. Mexikaner sind "Bohnenfresser", Asiaten "Schlitzaugen" und wenn man einen zufälligen Passanten unter die Räder bekommt, sagt man: "Ey Mann, du hast 'nen Chinesen überfahren!"
Haggis, bereits Drehbuchautor von "Million Dollar Baby" (2004), hat seine Figuren nicht schwarz oder weiß angelegt, sondern, wie er selbst sagt, eher "grau". Das beste Beispiel ist der von Matt Dillon gespielte Polizist John Ryan. Auf Streife lässt er gerne andere seine Macht spüren, zu Hause kümmert er sich liebevoll um seinen kranken Vater. Der Frau von der Krankenkasse liefert er eine sehr persönliche Erklärung seines Rassismus, die man für einen kurzen Moment eigener Dummheit ganz plausibel findet. Und auch ins eigene Metier wirft Haggis einen kurzen Blick: Der Fernsehregisseur erklärt sich bereit, eine Szene noch mal zu drehen, weil sein Schauspieler "nicht schwarz genug" klingt. Der Kerl ist wirklich ziemlich feige. Aber so werden in Hollywood und anderswo Filme gemacht.
Zu Hollywood gehört es auch, dass jeder dieser Schuldigen seine Erlösung findet. Und dass Unschuldige wider Willen schuldig werden. Dass die unvermeidlichen Läuterungsprozesse nicht ohne Pathos ablaufen, hat auch mit dem Format zu tun. Haggis' short cuts sind, schon aus Zeitgründen, eher Parabeln als ganze Geschichten mit voll ausgeformten Charakteren. Hier geht es eben nicht nebenbei um Rassismus. Es geht immer um Rassismus und um nichts anderes. Der Zwang jeder Episode und jeder Figur, bei aller Knappheit über sich hinauszuweisen, führt dann schon mal zu solchen Kitschgewittern wie jenem "reinigenden" Schneesturm, der deutlich an den berüchtigten Froschregen aus "Magnolia" erinnert.
Aber wofür hat man so brillante Schauspieler wie Matt Dillon und Don Cheadle ("Hotel Ruanda", 2004)? Wenn Filme ein Gesicht haben, dann ist es in diesem Fall das von Thandie Newton, die an ihrem Mann verzweifelnde Frau, die vielleicht selber nicht weiß, ob sie nun weiß ist oder schwarz. Und warum das noch immer so wichtig ist. Haggis packt seine Figuren, hinter denen sich immer Menschen verbergen, in ein berührendes Drama, das die Augen für die Absurdität des Ganzen jederzeit offen hat. Vielleicht regnet es ja irgendwann einmal Verstand.
(Crash) USA 2004, Buch und Regie: Paul Haggis, mit Sandra Bullock, Don Cheadle, Matt Dillon, Brandon Fraser, Jennifer Esposito, Ryan Phillippe, Thandie Newton, Chris "Ludacris" Bridges, Larenz Tate, Shaun Toub, Kinostart: 4. August 2005 bei Universum
Foto: Verleih
Philipp Bühler ist Filmjournalist und lebt in Berlin.
Kommentare
Dein Kommentar