Es wäre ja alles ganz wunderbar, wäre da nicht dieser Alexander Hacke. Steht rum im Bild, drückt einem seine behaarte Brust ins Gesicht, guckt gedankenschwer auf den Bosporus, isst Pizza, trinkt Tuborg und, das ist das wirklich Unerträgliche, darf aus dem Off ohne alle Hemmungen lossalbadern. Hätte Fatih Akin nicht ausgerechnet Hacke, dem seine zwei Jahrzehnte als Mitglied der Einstürzenden Neubauten verdientermaßen anzusehen sind, in die Spur geschickt, um dem Sound von Istanbul nachzuforschen, "Crossing the Bridge" wäre ein großartiger Musikfilm. So ist es immerhin noch ein überdurchschnittlich guter geworden.
Akin mag nach seinem großen Erfolg mit "
Gegen die Wand" ganz bewusst vor allen Erwartungshaltungen ins Dokumentarfilm-Genre entflohen sein. Trotzdem und vor allem trotz seines Protagonisten Hacke gelingt ihm ein liebevolles Porträt Istanbuls, einer Stadt zwischen Tradition und Moderne, zwischen Ost und West, Europa und Asien, zwischen knappen elektronischen Beats und dem melancholischen Schlingern der Saz. Dabei mag manches, worüber man gern mehr erfahren hätte, wie der Konflikt zwischen den Generationen und die Rolle der Frau, nur angerissen werden, anderes erscheint dafür eher überflüssig. Aber tapfer versucht Akin zu beweisen, dass Istanbul genau auf der Nahtstelle zwischen allen Kulturen, Himmelsrichtungen und Einflüssen liegt. Und tatsächlich: Wenn er von jungen Rock-Bands wie
Baba Zula oder
Orient Express berichtet, von HipHop-Heads und Zigeuner-Hochzeiten, von unlängst noch unterdrückter kurdischer Musik, aber auch die großen Stars Orhan Gencebay und Sezen Aksu ins Bild rückt, dann setzt sich langsam ein schlüssiges Mosaik einer Stadt, ihrem Gestern und Heute zusammen und – nicht zuletzt - das Bild einer Gesellschaft im Wandel.
Nur Herrn Hacke, den muss man sich halt wegdenken.
Thomas Winkler
Crossing the Bridge: The Sound of Istanbul, Dokumentarfilm, Deutschland 2005, Buch und Regie: Fatih Akin, mit Alexander Hacke, Selim Sesler, Baba Zula, Orient Expression, Orhan Gencebay, Sezen Aksu, Mercan Dede, Müzeyyen Senar, Aynur, Erkin Koray, OmU, Kinostart: 9. Juni 2005 bei NFP
Foto: Verleih
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