Am Ende lässt er sich erschießen, die Kanone im Anschlag. Fast genauso wie in "Butch Cassidy and the Sundance Kid", in dem Paul Newman und Robert Redford mit gezückten Waffen aus ihrer Deckung herausgestürmt kommen, um von den Männern des Gesetzes niedergefeuert zu werden. Auch so ein Outlaw-Film.
Dabei war es ja eigentlich anders. Der echte Andreas Baader beging 1977 im Stuttgarter Stammheim-Gefängnis Selbstmord. Der (Selbst-)Mord in Christopher Roths Film "Baader" ist natürlich cooler. Denn die Geschichte über das RAF-Führungsmitglied Baader ist nur der Realität abgeguckt, sie bildet sie nicht nach. Zumindest nicht authentisch. Es gab wirklich einen Mann namens Andreas Baader, einen Terroristen, der fünf Jahre lang in der BRD Stadtguerilla spielte und lebte, ein Werdegang mit allem Pipapo: politische und soziale Unzufriedenheit, Brandanschläge, Diebstahl, Gefängnis, Illegalität, Tod. Es gab auch eine Gudrun Ensslin, seine Freundin. Und natürlich eine Ulrike Meinhof. Es gab eine Gruppe systemkritischer junger Leute, die irgendwann in den Untergrund abwanderte.
Schnieke Lederjacken und Godard-Weiteblick
In Roths Film agieren diese jungen Leute, allen voran Frank Giering als narzisstischer, tyrannischer, autoklauender, ungeduldiger Cowboy-Terrorist Baader, vor allem durch und mit ihrem Umfeld: Die späten 60er, frühen 70er, die geprägt waren von einer merkwürdigen Moral- und Stilcollage aus Gerechtigkeitsforderungen, spießigem und frauenfeindlichem Hollywood-Machotum, aus Politik und Persönlichkeiten, die aufeinander prallen. So wie Ensslin (Laura Tonke), die Baaders Sprüche - "Alle wegpusten!", "Die Härte muss Identität werden", "Frauen sind Fotzen" - akzeptiert, die seinen von hehren Zielen geprägten Antrieb, das Schweinesystem zu verändern, damit es allen besser geht, teilt und unterstützt.
Zusammen ziehen Ensslin alias Tonke und Baader alias Giering in schnieken Lederjacken, unnahbar rauchend und mit Godard-Weiteblick durch den Film, wie durch einen modernen Videoclip einer Berlin-Mitte-Band, und spielen dabei so echt und gleichzeitig künstlich, wie einem ein solches Young-and-restless-Szenario auch in natura oft vorkommt: Jugendszenen, ob nun politisch oder modisch sozialisiert, neigen ohnehin dazu, sich wie in einem schicken Film zu inszenieren. Politik ist schon lange Pop, Revolution sowieso, und dass man sie auch damals längst als Pop, als Protest-Pop, Krautrock, Frühpunk lesen konnte (in der Soundtrack-Playlist geben sich MC5, Can und die Stone Roses den Pflasterstein in die Hand), das kann Roth überzeugend inszenieren.
Vorwurf der Oberflächlichkeit
Der Film spielt mit dem Vorwurf der Oberflächlichkeit: Ist Baader oberflächlich, weil er sich über die Waffen für seine Stadtguerilla freut wie ein kleines Kind über seine Wasserpistole? Sind die frühen RAF-Terroristen naiv, wenn sie versuchen, sich als Fatah-Kämpfer in der Wüste für eine angeblich gleiche Sache einzusetzen? Regisseur und Drehbuchautor Roth, dem der SZ-Redakteur Moritz von Uslar als Co-Autor zur Seite stand, kümmert sich in seinem Film mehr um Wirkung als um Inhalt, und zwar sowohl formal, in der schnittigen, ästhetischen, retrofreundlichen Inszenierung, als auch in den knappen Dialogen, den Begründungen, den fehlenden Inhaltsdiskussionen. Es geht darum,
wie die echten und Möchtegernterroristen sich verhalten, und nicht
warum.
Die langen theoretischen Begründungen für die Polit-Aktionen, die man aus
Doku-Filmen über den "deutschen Herbst" gewöhnt ist, fehlen fast ganz. Dafür entsteht eine dichte Atmosphäre zwischen einem diffusen Gefühl der Ungerechtigkeit, Abenteuerhunger, Jugend, Drogen, Musik, Sex, und nicht zu vergessen Machtkämpfe. So ähnlich hätte es sein können, vielleicht war es aber auch anders. Jedenfalls scheinen die Menschen um Baader, ob nun Meinhof, der Sympathisant Kurt Wagner, die junge Karin Rubner, sogar der gutwillige Chef-Ermittler Kurt Krone (Vadim Glowna) in Roths Film sehr lebendig und sehr getrieben von menschlichen Stärken und Schwächen: Die eine will Gerechtigkeit, der andere Erfolg bei den Frauen, die dritte endlich Action, der vierte eine Hierarchie.
Wenn man "Baader" als Versuch eines historischen Films nimmt, muss man ihn als gescheitert werten. Zu sehr bleibt er an der Oberfläche, den poppigen Bildern, Gesichtern und Musik. Nimmt man ihn aber als Variation eines bekannten Themas, als moderne Interpretation eines wichtigen Zeitabschnitts, dann ist er ein Erfolg.
D 2002, Regie: Christopher Roth, Buch: Christopher Roth, Moritz von Uslar, mit Frank Giering, Laura Tonke, Birge Schade, Michael Sideris, Vadim Glowna, Jana Pallaske, Moritz von Uslar, Kinostart: 17. Oktober 2002 bei Prokino
Foto: Verleih
Jenni Zylka ist im besten Alter, freie Autorin für verschiedene Zeitungen und im Haupthobby Geheimagentin und Marketenderin in Berlin.
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