Minority Report

Überwachung und Kontrolle

Kinostart: 3.10.2002 | Andreas Busche | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Wenn Steven Spielberg und Tom Cruise ausgerechnet bei dem Autor Philip K. Dick ("Blade Runner") nach einer sauberen Moral suchen, bleibt das nicht ohne Folgen für Spielbergs Kinderzimmer-Utopismus. "Minority Report" bedient sich allerdings nur soweit einer Dick-Kurzgeschichte, wie es Spielberg in den Kram passt, um wieder einmal von einem Verlust der Bilder, des Gedächtnisses, zu erzählen. Bilder - das ist Spielbergs und Dicks kleinster gemeinsamer Nenner. Auf der Flucht vor Bildern der Vergangenheit, um Bilder der Gegenwart zurück zu gewinnen. Realität und Fiktion am Schmelzpunkt. Drogen als Realitätsflucht. Alles mythische Dick-Themen, die Spielberg in seiner (zentralen) Vater/Sohn-Sohn/Vater-Geschichte verwurstet, die aber erst irrsinnig ballistisch werden muss, um das Bilder-Trauma überwinden zu können.

Im Jahr 2054 existiert kein Verbrechen mehr in Amerika. Die "Pre-Crime"-Behörde bekämpft das Verbrechen, bevor es entsteht. Aus den chemischen Körperreaktionen dreier menschlicher Mutanten, "Pre-Cogs", stellt sich in komplizierten technischen Prozessen eine Erzählung des zukünftigen Verbrechens her, die Erfolgsquote der Bekämpfung liegt bei 100%. Cruise ist Chef-Inspektor bei "Pre-Crime", aber ihm kommen Zweifel an den Ermittlungsmethoden seiner Behörde, als er selbst unter Mordverdacht gerät. Zwei Minuten Vorsprung, mehr bleiben ihm nicht. Cruise hält ihn, bis - fast - zum Schluss.

Dicks Szenarien der Überwachung und Kontrolle sind in "Minority Report" Spielbergs Fetisch. Die Zukunft sieht hier nicht anders aus als in Cruise letztem Film "Vanilla Sky"; sie ist nur eine Illusion des Jetzt. Das macht diese Welt so bedrohlich, denn sie ist durchdrungen von Technologie: kleine parasitäre Androidenspinnen, die auf Retina-Scans abgerichtet sind, Kundenprofile als Identitätsversicherung, und über allem wacht das Auge der "Pre-Cogs", projiziert auf einen überdimensionalen Flachbildschirm im "Pre-Crime"-Headquarter, auf dem Cruise mit Datenhandschuh die fiktionalen Bilder zu einer (und eben nicht der) Erzählung dirigiert.
Spielberg ist natürlich nicht fähig zu einer profunden Sozialkritik, aber auch nicht so blöd, Dicks Stoff zu vergeigen. Die Welt von "Minority Report" ist gefilmt wie ein düster-fahles Jetzt, ein monochromes Eye-Candy von einer seltenen Bilderdichte. Im Film muss sich Cruise sogar kurzzeitig seiner Augen entledigen. Es ist wie eine Absolution.
Andreas Busche

(Minority Report) USA 2002, Regie: Steven Spielberg, Buch: Jon Cohen, Scott Frank, nach einer Kurzgeschichte von Philip K. Dick, mit Tom Cruise, Colin Farrell, Samantha Morton, Max von Sydow, Kinostart: 3. Oktober 2002 bei 20th Century Fox

Foto: Verleih


www.minorityreport.com
Website zum Film (englisch)
www.minorityreport.de
Website zum Film (deutsch)
www.imdb.de
Mehr über den Film in der Internet Movie Database




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