Garden State

Leben im Dazwischen

Kinostart: 26.5.2005 | Frank Geissler | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Wenn ein 28-jähriger Filmemacher in seinem Regiedebüt Ereignisse aus seinem Leben auf die Leinwand bringt, ist Vorsicht geboten: Mal ehrlich, wer hat in dem Alter schon so viel erlebt und zu erzählen, dass sich damit ein Spielfilm füllen ließe? Und bitte schön so, dass es außer ihm und seinen Bekannten auch noch andere Menschen interessieren könnte? Zach Braffs "Garden State" entpuppt sich da als wahrer Glücksfall: Braff, in Deutschland bisher allenfalls als J.D. Dorian aus der Ärzte-Sitcom "Scrubs – die Anfänger" bekannt, erzählt von sich selbst, ohne dass dies jemals narzisstisch wirken würde. Denn offenbar ist er einer jener Mittzwanziger, die überraschend viel zu sagen haben, selbst wenn sie über sich selbst reden.

Aufwachen in New Jersey

Braff, der in seinem Film auch die Hauptrolle spielt, erzählt von Andrew Largeman, einem orientierungslosen Schauspieler aus New Jersey, der sich seit Jahren mehr schlecht als recht in Los Angeles über Wasser hält. Von seiner Familie hat er sich komplett abgenabelt. Sein Vater, ein verbitterter Psychiater, macht ihn für einen Unfall verantwortlich, der seine Mutter vor Jahren an den Rollstuhl fesselte. Seit diesem Ereignis schluckt Andrew auf Anraten seines Vaters Psychopharmaka, um seine - ganz normalen - Ängste zu bewältigen. Ein echtes Leben führt er nicht. Vielmehr pendelt er fast teilnahmslos zwischen seiner kargen Wohnung und dem Vietnamrestaurant, in dem er nebenbei jobbt.

Zur Beerdigung seiner Mutter kehrt Andrew erstmals seit neun Jahren in den "Garden State" New Jersey zurück. Ihm ist klar, dass er sich im Laufe des Besuchs mit seinem Vater auseinander setzen muss. Doch das klärende Gespräch schiebt er erst mal auf, als er auf dem Friedhof seinen alten Kumpel Mark (Peter Sarsgaard) trifft, der dort als Totengräber arbeitet. Andrew zieht mit ihm durch die Gegend – erstmals ohne Medikamente im Blut, denn die hat er in L.A. vergessen – und wacht langsam aus seiner Trance auf. Vor allem, weil er kurz darauf die notorische Lügnerin Sam (Natalie Portman) kennen lernt, ein absolut (ver)liebenswürdiges Mädchen voller Macken und voller Charme. Andrew, Mark und Sam machen sich zu einer bizarren Odyssee durch die Vorstadt auf, während der Andrew langsam seine Zuneigung zu Sam und ganz nebenbei auch sich selbst entdeckt.
Zuhause war einmal

Man muss wohl nicht extra betonen, dass Zach Braff aus New Jersey stammt, in Los Angeles lebt und eine Zeit lang in einem Vietnam-Restaurant gearbeitet hat. Zugegeben: So wahnsinnig aufregend ist sein Leben nicht. Aber die Gefühle, die Braff in seinem Film beschreibt, sind authentisch. Einsamkeit, Verzweiflung – und die Hoffnung, dass vielleicht schon hinter der nächsten Ecke das große Glück wartet. Braff erzählt von jenem Zeitpunkt im Leben, in dem man fürs Erwachsensein zu jung und fürs Kindsein zu alt ist; in dem das Elternhaus plötzlich kein Zuhause mehr ist, die eigene Wohnung aber auch noch nicht. Melancholisch, aber mit ungeheurer Leichtigkeit schildert Braff diese Stimmung, die wohl fast jeder so oder ähnlich erlebt hat – oder ahnt, dass er sie am Ende seiner Jugend erleben wird.

Eine stringente Handlung ist Braff offenbar nicht so wichtig, solange er nur dieses Gefühl auf den Punkt bringt, wie es ist, nach Hause zurückzukommen und im Niemandsland der Gefühle festzusitzen. Die klassische Drei-Akt-Struktur, in der Filme üblicherweise erzählt werden, will da nicht so recht dazu passen, weshalb Braff sie einfach aufgegeben hat. Kein Wunder, dass er Schwierigkeiten hatte, sein Drehbuch überhaupt zu verkaufen: Die Produzenten hätten ständig gemeckert, dass er Figuren einführe, die dann im Verlauf des Films nie wieder auftauchten, erzählt Braff. Aus drehbuchtechnischer Sicht sicher ein Manko – aber ist es denn nicht genau so, wenn man für ein paar Tage daheim zu Besuch ist? Da läuft man schon mal einem ehemaligen Schulkameraden über den Weg, mit dem man kurz plaudert, den man dann aber trotzdem nicht wieder sieht.

"Garden State" besteht aus einer Aneinanderreihung ebensolcher Anekdoten und Momente, die sich zwar oft im Nirgendwo verlaufen, aber trotzdem unwiderstehlich ehrlich sind. Ein wenig vielleicht wie ein Mixtape voller Popsongs, die zunächst für sich allein stehen, aber am Ende doch ein stimmiges Ganzes bilden. Da passt es nur zu gut, dass Braff für die Filmmusik einfach ein paar seiner Lieblingssongs zusammengestellt hat – von Popgrößen wie Coldplay, aber auch von unbekannteren Songwritern aus seinem Freundeskreis, wie beispielsweise Cary Brothers. Jeder Song passt so perfekt zur jeweiligen Szene, dass ein regelrechtes Kino im Kopf entsteht, wenn man hinterher auch nur einen davon wieder hört.

Kleine Gesten, die die Welt (nicht) braucht

Es gäbe so viele kleine Momente des Films zu beschreiben, so viele liebenswerte Figuren zu erwähnen, die mal hinreißend, mal versponnen sind – aber je weniger man von ihnen weiß, bevor man sich auf die Entdeckungsreise in den Garden State macht, desto besser. Nur an einer Szene führt kein Weg vorbei: Da tanzt Sam in ihrem Zimmer kurz vor sich hin, als gäbe es kein Morgen, und schlägt dann Andrew vor, endlich aus sich herauszugehen und irgendetwas zu tun, was in der Form noch nie jemand getan hat. Egal wie banal es sei, er werde als derjenige in die Geschichte eingehen, der in jenem Moment an jenem Ort etwas völlig Einzigartiges getan haben wird.

"Garden State" ist ein wenig so wie die Geste, die Andrew daraufhin vollführt: nicht wahnsinnig bedeutsam, und sicherlich nicht perfekt – aber so stimmungsvoll und originell, dass man hinterher ein unbeschreibliches Glücksgefühl verspürt.

Garden State, USA 2004, Buch und Regie: Zach Braff, mit Zach Braff, Natalie Portman, Ian Holm, Peter Sarsgaard, Ron Leibman, Method Man, Jean Smart, Geoffrey Arend, Alex Burns, Ann Dowd, Denis O'Hare, Jackie Hoffman, Kinostart: 26. Mai 2005 bei Buena Vista

Foto: Verleih

Frank Geissler arbeitet als freier Autor in München.


www2.foxsearchlight.com/gardenstate
Website zum Film (englisch)

www.movie.de
Mehr über den Film auf der Website des deutschen Verleihs

www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database

www.filmz.de
Mehr Artikel zum Film

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Offizieller Blog zum Film




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