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Scorsese at his best: Casino

Zocken im Auge des Vulkans

Kinostart: 1.5.2005 | Stefanie Zobl | Kommentar schreiben | Artikel drucken

In der Spielhölle Las Vegas gilt ein Menschenleben nichts. Gleich die erste Minute des Films macht dies in aller Brutalität unmissverständlich mit einer Abschlachtorgie: Der als Casino-Geschäftsführer Sam “Ace“ Rothstein außergewöhnlich “fancy“ gekleidete Robert De Niro fliegt mitsamt seinem schicken Sportwagen mit vollem Karacho in die Luft. Dazu läuft die Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach - ein wahrlich bombastischer und Gänsehaut auslösender Einstieg in ein durchgehend fulminantes filmisches Epos über die Mafia-Machenschaften im Las Vegas der frühen 1970er-Jahre.

True Stories

Der Anfang des Films ist zugleich das Ende der Geschichte, die auf einer wahren Begebenheit beruht. Beim Aufstieg der Wüstenstadt Las Vegas zum Zocker-Mekka hatte der “Mob“ massiv die Finger mit im Spiel. Das erste Drittel des knapp dreistündigen Films widmet sich einer umfassenden Einführung in die Interna des Spielbetriebs Tangiers: Hier wird die Kundschaft systematisch ausgenommen, Mitarbeiter und Politiker bestochen, Falschspieler entlarvt und aufs Übelste bestraft und Dollarscheine kofferweise für die "Familie“ beiseite geschafft. Währenddessen rast die Kamera in irrwitzigem Tempo durch das Gebäude bis in die hintersten Winkel, in denen das Geld zum illegalen Abtransport bereit liegt, und stellt dabei sämtliche Protagonisten des Films vor.

Die Liebe - eine Falle?


Der smarte Ace hat seine Geschäfte gut im Griff. Unter seiner Führung steigt der Umsatz des Casinos rapide, sehr zur Freude der Bosse. Doch im Privaten läuft es deutlich weniger rund: Ace hat eine fatale Schwäche für Ginger, eine nach Alkohol, Drogen und Geld süchtige Edelnutte - aber auch eine strahlend schöne und glamouröse Vorzeige-Frau. Ginger liebt ihren prolligen Zuhälter Lester, heiratet aber trotzdem Ace, da dieser ihr mehr Materielles zu bieten hat. Ace, zwar liebevoll und fürsorglich, aber in erster Linie Kontrollfreak, sperrt seine Gattin in den “goldenen Käfig“. Das aber treibt sie zur Verzweiflung und mehrfach zurück in die Arme von Lester, immer mit zig Tausenden von Ace-Dollars in der Tasche. Nie hat die Schauspielerin Sharon Stone ein Rolle facettenreicher und brillanter ausgekostet als die der gleichermaßen durchtriebenen wie auch verletzlichen Ginger.

Mafia-Speck

Der Mann fürs Grobe - und Ace in schwierigen Fällen immer eine große Hilfe - ist Nicky, ein echter Brutalo-Mafiosi, gespielt vom großartigen und ziemlich witzigen Joe Pesci. Aber Nicky hat sein hitziges Temperament so wenig im Griff und dreht ein von der “Familie“ nicht autorisiertes krummes Ding nach dem anderen, dass sowohl die Bosse als auch die Gesetzeshüter auf ungute Art und Weise aufmerksam werden. Als Ace Probleme wegen seiner fehlenden Arbeitslizenz bekommt und Nicky auch noch eine Affäre mit Ginger beginnt, gerät die Situation im Tangiers so aus den Fugen, dass sich die Mafia-Oberen gezwungen sehen, dort ordentlich “aufzuräumen“.

Expertenkino

"Casino" war bereits der dritte Film von Martin Scorsese über die Mafia nach "Hexenkessel" (1973) und "Good Fellas" (1990). Trotzdem ist der Film keine Fortsetzung oder gar Wiederholung der beiden Vorgänger. Vielmehr ist mit Scorsese durch seine intensive Beschäftigung mit dem Thema ein echter Kenner der Szene am Werk: Er zerlegt die Arbeitsweise des “Mob“ zwar einerseits kühl und analytisch und hebt warnend den Zeigefinger vor den Gefahren des organisierten Verbrechens. Andererseits ist in der überbordenden und verruchten Pracht seines Films auch eine fast schon nostalgische Faszination für die “Wise guys“ zu spüren: So schön und interessant sind die Menschen, ihre Kostüme, die ganze Ausstattung, dass man sich gerne in dieses märchenhaft rauschende Leben hineinträumt – auch wenn die Filmfiguren wegen ihrer schier unstillbaren Geldgier allesamt auf ein grausames Ende zusteuern.

Mit seinem Film hat Scorsese einem längst vergangenen Las Vegas, das trotz seiner kriminellen Energie im Gegensatz zur heutigen Billig-Variante der Stadt mit Pappkulissen und Plastikattrappen à la Disneyland eine gewisse Größe besaß, ein überlebensgroßes Denkmal gesetzt.

Stefanie Zobl ist freie Journalistin in Berlin.

Foto: Verleih



www.martin-scorsese.net/
Website des Filmemachers

www.scorsesefilms.com/
Inoffizielle Website eines Fans

www.mafiaspiel.de/
Ein Videospiel: Bürger gegen die Mafia




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