Im Frühjahr 1994 erlebte die westliche Welt ein weiteres blutiges Kapitel ihrer Kolonialgeschichte. Innerhalb von drei Monaten starben im "Bürgerkrieg" in Ruanda annähernd eine Million Menschen: die Folgen der belgischen Kolonialpolitik. In Terry Georges Film "Hotel Ruanda" fällt nur ein Satz zur Geschichte Ruandas. Mit mehr Hintergrund hält sich der Film nicht auf. Dabei ist der Fall Ruanda ein Paradebeispiel für das politische Erbe, das die Europäer auf dem afrikanischen Kontinent hinterlassen haben. Der so genannte Bürgerkrieg zwischen den Hutu, die die Mehrheit der Bevölkerung stellen, und den Tutsi war nichts anderes als eine ethnische Säuberung.
George konzentriert sich in "Hotel Ruanda", der wahren Geschichte von Paul Rusesabagina (Don Cheadle), der während der ersten Wochen 1000 Tutsi-Flüchtlinge in seinem Hotel beherbergte und so vor den Hutu-Milizen beschützte, sehr viel mehr auf die zweite Schmach in der westlichen Ruanda-Politik. Die Blauhelme, die Friedenstruppen der UN, mussten 1994, nur zwei Jahre nach dem Interventions-Debakel der US-Truppen in Somalia (siehe "
Black Hawk Down"), hilflos mit ansehen, wie Tutsi-Familien auf offener Straße massakriert wurden, während die westlichen Regierungen noch darüber diskutierten, ob in Ruanda nun ein Bürgerkrieg oder ein Genozid stattfand.
Nick Nolte spielt seinen UN-Colonel Oliver in "Hotel Ruanda" als Verkörperung der westlichen Schuld, mit verkniffener Leidensmiene und fatalistischem Weltbild. "Ihr seid noch weniger als Nigger", erklärt er Cheadle die Tatenlosigkeit seiner Vorgesetzten, "ihr seid Afrikaner." Cheadle spielt den slicken Rusesabagina, selbst ein Hutu, als windigen Nutznießer der verkorksten politischen Situation. Er managt ein Luxushotel einer belgischen Kette, dealt teuren Wein mit radikalen Hutu-Anhängern und ist mit einer Tutsi-Frau verheiratet. Der Ausbruch der Unruhen stört diese Ordnung, aber mit seinem diplomatischen Geschick wähnt er sich zunächst in Sicherheit. Rusesabaginas Engagement ist das Interessanteste am Film, wie er langsam in die Rolle des Retters gedrängt wird und schließlich alle Register der höheren Managerschule zum Einsatz bringt: einschmeicheln, bestechen, psychologisches Gespür. Eine wirkungsvolle Überlebenstaktik. "Hotel Ruanda" ist kein besonders erhellender Film zum Thema Genozide und internationale Menschenrechtspolitik und sein guter Wille hat etwas leicht Penetrantes. Aber wie auch "Schindlers Liste" von Steven Spielberg ist er wichtig, weil der Völkermord in Ruanda längst ein vergessenes Kapitel ist. So einfach, wie es Georges Film nahe legt, war es in Ruanda jedoch nicht: Das Filmende ist zu simpel. Aber so funktioniert politisches Unterhaltungskino wohl.
Andreas Busche
(Hotel Rwanda) Großbritannien, USA, Italien 2004, Regie: Terry George, Buch: Keir Pearson, Terry George, mit Don Cheadle, Sophie Okonedo, Nick Nolte, Joaquin Phoenix, Desmond Dube, David O'Hara, Cara Seymour, Fana Mokoena, Hakeem Kae-Kazim, Kinostart: 7. April 2005 bei Tobis
Foto: Verleih
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