Black Box BRD

Erstarrte Republik

Kinostart: 12.9.2002 | Philipp Bühler | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Der Terrorismus kennt keine Menschen, er kennt nur Funktionsträger und Revolutionäre, System und Aktion. So trug die RAF selbst maßgeblich dazu bei, dass von ihren politischen Zielen am Ende nur ein Mythos blieb: RAF-Hype in Mode und Magazinen, Heinrich Breloers "Todesspiel" als reißerisches Action-Remake des Deutschen Herbstes von 1977. In diesem Terror-Szenario vollführte Andres Veiels Dokumentarfilm vor einem Jahr eine verblüffende Wende: Sein Doppelporträt gab zwei Menschen das Gesicht zurück. Da ist ein Täter, der im Juni 1993 auf dem Bahnhof von Bad Kleinen unter ungeklärten Umständen ums Leben gekommene RAF-Terrorist Wolfgang Grams. Und da ist das RAF-Opfer Alfred Herrhausen, der im November 1989 mit einer Autobombe ermordete Vorstandssprecher der Deutschen Bank. Einen Zusammenhang zwischen beiden gibt es nicht. Doch in ihren grundverschiedenen Lebensläufen entdeckt der Film Gemeinsamkeiten, beide erscheinen als Exponenten der in Feindbildern erstarrten Bundesrepublik der 70er- und 80er-Jahre.

Während sich der sensible Wolfgang "Gaks" Grams immer mehr in seinen Hass hineinsteigert, wird Herrhausen zum frühen Globalisierungskritiker. Die Entschuldung der Dritten Welt wird zu seinem persönlichen Anliegen. Im Film sind seine Nadelstreifenkollegen von der Deutschen Bank zu sehen, die damals wie heute nur ein mildes Lächeln für seine Pläne übrig hatten. Aber auch die ungeheuer stark erscheinende Witwe Trude Herrhausen. Der Knall der Bombe, die ihren Mann zerfetzte, geht ihr nicht aus dem Kopf. Auf der anderen Seite erleben wir die Eltern und Freunde von Grams. Einige hatten sich von ihm abgewendet, als ihn die Ungerechtigkeit der Welt zum Äußersten trieb. Alle haben ihn lange vor Bad Kleinen verloren. Nun gestattet die Wiederaufführung von "Black Box BRD", jenseits von RAF-Chic à la "Baader", noch einmal den Versuch zu verstehen, was man nicht erklären kann.

Philipp Bühler

Dokumentarfilm, Deutschland 2001, Buch und Regie: Andres Veiel, Interviewpartner: Traudl Herrhausen (Witwe von Alfred Herrhausen), Werner und Ruth Grams, Rainer Grams, Hilmar Kopper, Helmut Kohl u. a., teilweise schwarz-weiß, Kinostart: 12. September 2002 bei X-Verleih


www.black-box-brd.de
Website zum Film
www.imdb.de
Mehr über den Film in der Internet Movie Database

Mehr zum Thema bei fluter:
Keine Pop-Welle: Neue "RAF-Filme"
Spurensuche einer blutigen deutschen Widerstandsgeschichte, Rainer Bellenbaum




Kommentare

(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)

Dein Kommentar

Kommentar schreiben

(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)