Coppola, den sein ehrgeiziges Projekt beinahe in den finanziellen Ruin getrieben hätte, war wohl selbst nie so richtig zufrieden mit seinem 2,5-stündigen Epos, das ihn vier Jahre seines Lebens begleitete. Zu hurtig musste er sein Meisterwerk für die Filmfestspiele in Cannes fertig stellen. Aber alles war gut, als er den Hauptpreis des Festivals, die Goldene Palme, gewann. Doch jetzt, wo Wiederaufführungen als "Director's Cut" oder "Special Edition" auf DVD etabliert und erwünscht sind, hat sich Coppola erneut an "Apocalypse Now" gewagt. Die abermalige einjährige Arbeit im Schneideraum hat sich gelohnt. Der Film ist jetzt bombige 203 Minuten lang und vor allem verständlicher. Na ja, fast jedenfalls.
Captain Willard (Martin Sheen, der während der Dreharbeiten einen Herzanfall erlitt) erhält in den Wirren des Vietnam Krieges einen Sonderauftrag. Er soll den durchgeknallten Colonel Kurtz (das einstige Sexsymbol Marlon Brando), der sich mit einer Armee von Eingeborenen und übergelaufenen Soldaten im Dschungel verschanzt hat, liquidieren. Mit einem kleinen Patrouillenboot durchforstet Willard mit seinem Team den kambodschanischen Urwald. Dabei erleben sie am eigenen Leib den Wahnsinn und das Leid des Krieges. Um so näher der Attentäter Willard seinem Opfer kommt, desto mehr erliegt er der Faszination von Kurtz' zwiegespaltener Persönlichkeit. Der einst so vorbildliche Colonel herrscht inzwischen wie ein Gott über seine Gefolgschaft, lässt foltern und hinrichten.
"Ich wollte einen Film machen, der ein Gefühl dafür vermittelt, wie es in Amerikas schmutzigstem Krieg wirklich zuging: roh, unmenschlich, grausam, moralisch verkommen und gleichzeitig unfassbar grotesk". Mit diesen Worten illustriert Coppola im Nachhinein sein Anliegen. Doch nicht nur das ist ihm gelungen. Er hat mit "Apocalypse Now" ein unangepasstes Stück Kinogeschichte geschaffen, wie es heute in Hollywood nicht mehr realisierbar wäre. Der Film war für alle Beteiligten ein unkalkulierbares Unterfangen. Davon zeugt auch die 90-minütige Dokumentation "Ins Herz der Finsternis", die Coppolas Ehefrau Eleanor während der 238 Drehtage aufzeichnete. "Dieser Film ist ein peinliches 20 Millionen Dollar Desaster. Am besten ich erschieße mich selbst", lautete Coppolas Einschätzung noch während der Dreharbeiten.
Dass der sperrige und eigenwillige Film von der Kritik und dem Publikum gleichermaßen angenommen wurde ist ein absoluter Glücksfall und sicherlich mit seinem außerordentlichen Schauwert und Coppolas Besessenheit, die immer wieder zwischen den Bildern aufflammt, zu erklären. Also nutzt die Chance, das Schauspiel nochmals oder erstmals in voller Schönheit auf der großen Leinwand zu sehen. Und keine Angst, die knapp 3,5 Stunden steckt man locker weg.
USA 1979/2001, Regie: Francis Ford Coppola, Buch: John Milius und Francis Ford Coppola nach dem Roman "Heart of Darkness" von Joseph Conrad, mit Martin Sheen, Marlon Brando, Kinostart: 18.10.01 bei Tobis StudioCanal
Fotos: Verleih
Jörg Buttgereit, geboren 1963 in Berlin, arbeitet als Autor und Regisseur für Film, Fernsehen und Radio. Außerdem schreibt er regelmäßig Filmkritiken und vergnügt sich nebenbei als Disc Jockey.
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